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Sonntag, 02 Januar 2011 10:10

Soziale Organismen schaffen

geschrieben von 

Ein Abend irgendwo, irgendwann. Der Arbeitstag ist vorüber und auf dem Heimweg kommt Emil an seiner Lieblingskneipe vorbei. Es ist noch genügend Zeit, für ein Bierchen einzukehren. Die Gastwirtschaft ist gut besucht, an den Tischen sitzen zahlreiche Menschen, reden, lachen, gestikulieren. Emil sieht sich um. Er sieht an einigen Tischen, am Tresen und draußen vor den geöffneten Fenstern ein paar freie Plätze. Links neben dem Display für die kostenlosen Postkarten, am Tresen, gegenüber der Zapfanlage nimmt Emil Platz. Er kennt die beiden dort stehenden Männer aus dem Sportverein. Sie begrüßen einander und beginnen sich über die üblichen Fragen auszutauschen. Wie war der Tag? Was ist zur Verletzung des Mittelfeldspielers zu sagen, der am kommenden Wochenende nicht spielen kann? Wie geht es den Kindern? usw.

Irgendeines der angeschnittenen Themen reizt zur Vertiefung. Ob es der Fahrtkostenzuschuss zur Monatskarte der Kinder ist, die anstehende Renovierung des Vereinsheims oder der neue Wochenmarkt im Stadtteil. Aus einem der Gefälligkeitsthemen wird Diskussionsstoff. Meinungen werden ausgetauscht, kontrovers angegangen, es wird gelacht, gestritten und verziehen. Die Zeit ist um, die Straßenbahn fährt gleich. Die Zeche beglichen und zur Haltestelle geeilt. Emil sitzt in der Straßenbahn und fährt nachhause. Er ist in Gedanken. Das Gespräch in der Kneipe klingt nach, er erinnert sich, belächelt, kritisiert und stimmt zu. Die ausgetauschten Variationen zum besprochenen Thema leben in Emils Gedanken wieder auf, wobei er manches entdeckt, was er vorher noch nicht so gesehen hat. Umgangssprachlich würde man sagen, er sei klüger geworden. Sein Horizont in der Sicht auf die Dinge hat sich erweitert, er hat eigene Sichtweisen verändern können, sein Leben hat einen neuen – größeren oder kleineren – Impuls bekommen.

Was im Beispiel beschrieben wurde, findet immer irgendwie statt, wenn Menschen einander begegnen. Jeder Mensch sucht zuweilen die Begegnung mit anderen Menschen - er ist nicht gerne einsam – und wird darin, ob im Einvernehmen oder im Streit, immer eine Veränderung seiner Sichtweisen erleben. Ob im Großen oder im Kleinen verändert sich jeder Mensch an seinen Mitmenschen, einfach schon deshalb, weil er ihnen begegnet. Bemerkenswert ist, dass wir Menschen eigentlich irgendwie immer Gemeinschaft mit anderen suchen. Wir wissen aus Erfahrung, dass das nie folgenlos für uns (und die anderen) sein wird. Insofern ist die Sehnsucht des Menschen nach Gemeinschaft zugleich auch diejenige nach Veränderung und Wandlung. Die Tatsachen sich bildender und sich auflösender Gemeinschaften sind ein wesentlicher Quellort für das, was das Leben wesentlich macht. Sie sind der „growing point“ für jedwede Entwicklung.

Wo Menschen sich in einer Gemeinschaft zusammen finden, um gemeinsam bestimmte Ziele zu verfolgen, entsteht ein eigenes Lern-, Lebens- und Erfahrungsfeld - ob nach Feierabend in der Kneipe, vorher in der Fabrik oder am Wochenende im Sportverein. Jeder Mensch hat das schon erlebt, von Kindheitszeiten an und dann durch das Leben hindurch immer wieder von neuem. Ist es eine Summe von Ereignissen, Meinungen usw., die neue Erfahrungen indizieren? Oder ist es ein eigener, Sozialer Organismus (der für sich genommen mehr ist, als die Summe seiner „Teile“), worüber wir sprechen, wenn wir eine Gemeinschaft von Menschen meinen, die dies oder das miteinander tut? Wenn wir die zweite Frage zunächst einmal als theoretisches Experiment bejahen, verändern sich sofort die Gesichtspunkte für das Gestalten und Wahrnehmen, dessen, was eine Gemeinschaft ausmacht und was sie bewirkt. Es ist mit dem berühmten und mitunter leidenschaftlich diskutierten Unterschied vergleichbar, der sich ergibt, je nach dem ob jemand glaubt, der Mensch sei ein zufälliges Produkt materiell beschreibbarer Vorgänge und Bedingungen oder – darüber hinaus – auch ein eigenes, nicht nur materielles Subjekt. Abhängig von der einen oder anderen diesbezüglichen Grundeinstellung im Deuten wahrgenommener Phänomene wird der eine „Leben“ anders definieren als der andere. Das daraus sofort auch ethisch differente Implikationen resultieren, dürfte jedem auf Anhieb klar sein. Versuchen wir aber zunächst, uns dem Verständnis von sozialer Gemeinschaft unter der Voraussetzung des Organismus-Begriffs ein wenig weiter zu nähern.

 

Der Begriff Organismus wird allgemein für Systeme gebraucht, die als ganzheitlich, mehr oder weniger stark hierarchisch gegliedert und zielgerichtet gekennzeichnet werden sollen.

In der Biologie und Medizin ist dies ein individuelles Lebewesen, also ein Tier, eine Pflanze oder ein Mikroorganismus. …

Nach Ludwig von Bertalanffy ist ein lebender Organismus ein Stufenbau offener Systeme, der sich auf Grund seiner Systembedingungen im Wechsel der Bestandteile selbst erhält. Die Erhaltung der Bestandteile ist dabei nur durch ihre Beziehung auf das Ganze möglich.

Jeder Teil eines Organismus ist immer gleichzeitig Mittel und Zweck aller anderen (Immanuel Kant). Weil ein Organismus zielgerichtet ist, also von einem Zweck (Teleologie) bestimmt wird, ist der Organismus selbst allerdings mehr als die Summe seiner Teile (Aristoteles).

Quelle: Wikipedia, Stichwort „Organismus“

 

Ob ein sozialer Organismus als solcher gedacht werden kann, kann erstmal als kuriose Herausforderung erlebt werden. Aber wer kennt nicht das Phänomen, dass man in Gemeinschaft zum Beispiel klüger ist, als allein? Es scheint sogar ein Wissen zu geben, zum Beispiel einer Firma, das nirgendwo komplett dokumentiert und archiviert ist, und trotzdem für den einen oder anderen verfügbar ist. Auch gibt es für eine Gemeinschaft „Lebenstatsachen“, die phasenweise bemerkbar werden und wegen ihrer Vergleichbarkeit mit denen anderer Gemeinschaften als gesetzmäßig erscheinen. Wann ein Gründungsimpuls merklich verbraucht ist und durch neue Enthusiasmen ersetzt werden will, oder schlicht die schlechte (oder gute) Stimmung, die sich breit macht. Es gibt noch viele weitere Phänomene für die Äußerung des Lebens einer Gemeinschaft, für die nicht ohne weiteres gesagt werden kann, dass sie nur aus der Addition der Befindlichkeiten der beteiligten Menschen herrühren. Jedenfalls ist das gesamte diesbezügliche Erfahrungsfeld so komplex und überraschend, das die Theorie gewagt werden kann, dass es sich bei einer sozialen Gemeinschaft um einen Organismus, ein jeweils eigenes Wesen handelt.

Nun ist jeder Organismus mehr oder weniger hierarchisch gegliedert. Das ist in erster Linie als die Gliederung verschiedener Bereiche zueinander gemeint, nicht im Sinne einer Über- oder Unterordnung. Bezüglich des Sozialen Organismus können drei, zueinander geordnete Bereiche unterschieden werden, die als diejenigen des Geistes-, des Rechts- und des Wirtschaftslebens benannt werden können. Damit ist eine erste einfach nachzuvollziehende Nomenklatur verfügbar, die darin behilflich sein kann, die Lebensphänomene im Sozialen Organismus zu definieren und zu organisieren. Die Begrifflichkeit von den drei Bereichen stammt von Rudolf Steiner, der in seiner anthroposophischen Geisteswissenschaft davon ausgehend zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts die so genannte „Dreigliederung des Sozialen Organismus“ ausgearbeitet hat.

 

Rudolf Steiner entwickelte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts erste Grundgedanken zur sozialen Frage. 1898 formulierte er – als Antwort auf eine Schrift des Philosophen Ludwig Stein– in zwei Aufsätzen sein „soziologisches Grundgesetz“: „Die Menschheit strebt im Anfange der Kulturzustände nach Entstehung sozialer Verbände; dem Interesse dieser Verbände wird zunächst das Interesse des Individuums geopfert; die weitere Entwicklung führt zur Befreiung des Individuums von dem Interesse der Verbände und zur freien Entfaltung der Bedürfnisse und Kräfte des Einzelnen.“ 1905 veröffentlichte er in der theosophischen Zeitschrift Lucifer-Gnosis sein „soziales Hauptgesetz“: „Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist umso größer, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heißt, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden.

Quelle: Wikipedia, Stichwort „Dreigliederung“

 

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

 

Jedem der drei Bereiche oder Glieder des Sozialen Organismus sind typische Grundprinzipien zu eigen. Was als Grundprinzip für den einen gilt, lässt sich so auf den anderen Bereich nicht anwenden. Nehmen wir die Gesellschaft als Ganze, können wir unter „Geistesleben“ zum Beispiel die Kindergärten, Schulen, Universitäten, Kultureinrichtungen usw. verstehen. In solchen Institutionen gilt vorrangig das Prinzip der Freiheit als das wesentliche. Idealerweise darf keine staatliche Einflussnahme, keine wirtschaftliche Macht das einschränken, was als geistiges Leben in einer Universität oder einem Theater zum Beispiel gepflegt wird.

Demgegenüber gilt für Institutionen des Rechtslebens das Prinzip der Gleichheit. Dies deckt sich mit dem Grundsatz, dass vor dem Recht alle Menschen gleich sind. Auch die Organe des Staates dürfen nicht durch wirtschaftliche Einflussnahmen unterwandert werden, sind aber Regeln unterworfen, die Willkür verhindern und sie im positiven Sinne eben nicht frei sein lassen.

Im Wirtschaftsleben sollte das Prinzip der Brüderlichkeit (Geschwisterlichkeit) gelten. Obwohl wir heutzutage davon weit entfernt zu sein scheinen, leuchtet es ein, dass jede Beziehung zwischen Teilnehmern an wirtschaftlichen Vorgängen von der Fairness begleitet sein sollte, die einseitige Vorteilsnahmen auszuschließen vermag. In einem fairen geschäftlichen Vorgang haben immer beide Seiten einen Vorteil, alles andere wäre Betrug!

Die Differenzierung des Sozialen Organismus in drei Bereiche unter der Voraussetzung der jeweils eigenen Prinzipien Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verdeutlicht schon im ersten Ansatz, was eine differenzierte Betrachtung ermöglicht und wo ggf. Ursachen für ein „schlechtes Funktionieren“ der Institutionen und ihrer Beziehung zueinander liegen könnten. Es wird schlicht zu Problemen führen, wenn sich Schulen in ihren Programmen an anderen Interessen ausrichten, als an denen der Kinder. Darum braucht ein freies Geistesleben auch freie Schulen! - Wo vor der Gerichtsbarkeit auch nur ansatzweise Unterschiede unter den beteiligten Menschen gemacht werden, können nur Verletzungen der Interessen geschehen, egal ob Meinungen zu einem Sachverhalt durch einfache Bürger vertreten werden oder durch die milliardenschwere Industrie. Die wirkliche Gleichheit vor dem Recht erfordert als Element einer demokratischen Kultur den Volksentscheid, anders lassen sich die sonst durch Macht aufdrängenden Differenzierungen nicht auflösen.

Wer sich einen unbefangenen Blick auf das menschliche Leben bewahrt hat, der wird allmählich dann zur Einsicht kommen, dass in einem sozialen Organismus drei ganz verschiedene, ursprüngliche Quellen des menschlichen Lebens zu unterscheiden sind. Diese drei ursprünglichen Quellen des menschlichen Lebens, sie fließen ganz natürlich im sozialen Organismus zusammen, sie wirken zusammen. Aber die Art und Weise, wie sie zusammen wirken, wird man nur ergründen können, wenn man vermag, auf die Wirklichkeit des Menschen als solchen hinzuschauen, der eine Einheit, ein einheitliches Wesen innerhalb der sozialen Dreiheit sein muss. Im sozialen Organismus sind zunächst einmal diese individuellen menschlichen Fähigkeiten vorhanden. Und wir können ihr Gebiet verfolgen von den höchsten geistigen Leistungen des Menschen in der Kunst, in der Wissenschaft, im religiösen Leben bis herab zu jener Form der Anwendung individueller menschlicher Fähigkeiten, wie sie mehr oder weniger im Seelischen oder im Körperlichen begründet sind, bis zu jener Anwendung individuell-menschlicher Fähigkeiten, die im gewöhnlichsten, im materialistischen Prozess verwendet werden müssen, der auf kapitalistischer Grundlage beruht, bis in den Wirtschaftsprozess hinein, den man gewöhnlich mit einem absprechenden Worte den materiellen Bereich nennt. Bis da hinein lässt sich eine einheitliche Strömung von den sonstigen Geistesleistungen herunter verfolgen. Innerhalb dieses Gebietes beruht dann alles auf der entsprechenden, auf der fruchtbaren Anwendung dessen, was immer von neuem aus den Urquellen der menschlichen Natur herausgehoben werden muss, wenn es in der richtigen Weise hinein fließen soll in den gesunden sozialen Organismus.

Ganz anders lebt im gesunden sozialen Organismus alles das, was sich auf das Recht begründet. Denn dieses Recht ist etwas, was sich abspielt zwischen Mensch und Mensch einfach dadurch, dass der Mensch eben im allgemeinen Mensch ist. Wir müssen die Möglichkeit haben, im sozialen Leben unsere individuellen Fähigkeiten auszugestalten. Je besser wir sie ausgestalten, desto besser für die Allgemeinheit des sozialen Organismus. Je mehr wir Freiheit haben im Herausholen und im Verwerten unserer individuellen Fähigkeiten, desto besser für den sozialen Organismus. Schroff steht dem gegenüber im wirklichen Leben für jeden, der nicht von Theorien, von Dogmen ausgeht, der das wahre Leben zu beobachten in der Lage ist, alles das, was als Recht spielen muss zwischen Menschen. Da kommt nichts anderes in Betracht als das, worin alle Menschen sich einander gleich gegenüberstehen.

Und ein Drittes ist das menschliche Bedürfnis, das aus den Naturgrundlagen des körperlichen und seelischen Lebens kommt, und das im Kreislauf des Wirtschaftslebens durch Produktion, durch Zirkulation und Konsumtion seine Befriedigung finden muss.

Diese Dreigliederung des sozialen Organismus hat nicht irgendein abstraktes Denken zustande gebracht, diese Dreigliederung ist (schon) da. Und die Frage kann nur sein: Wie kann diese Dreigliederung in der entsprechenden Weise reguliert werden, so dass nicht ein kranker, sondern ein gesunder sozialer Organismus herauskommt?

Rudolf Steiner in „Die Befreiung des Menschenwesens“, S. 25ff

 

Innerhalb des Sozialen Organismus lassen sich andere als die bislang üblichen Gestaltungsformen für den Umgang der Menschen miteinander finden, wenn die jeweils benannten Prinzipien zur Anwendung kommen. Im Wirtschaftsleben zum Beispiel kann das Prinzip der Geschwisterlichkeit zu kooperativen Verbindungen führen, in denen Produzenten, Händler und Konsumenten gleichviel integriert sind. Alle sind an dem einen wirtschaftlichen Prozess beteiligt, der von der Gewinnung der Rohstoffe bis zum Gebrauch des erzeugten Produktes reicht. Warum also an irgendeinem Abschnitt der Prozesskette abgrenzen und ausschließen, was besser in eine übergreifende Gemeinsamkeit integriert werden sollte? Solche Verbindungen nannte Rudolf Steiner Assoziationen und manche der gegenwärtigen Entwicklungen sprechen dafür, dass die bereits zu Anfang des vorigen Jahrhunderts entwickelte Idee hoch aktuell ist.

 

Die soziale Plastik

 

Gleichgültig auf welchen Wegen oder mit welchen Tätigkeiten wir uns ins Leben einbringen gestalten wir über unser persönliches Leben hinaus Natur und Gesellschaft mit. Nichts von dem was wir tun bleibt für das große Ganze ohne Folgen. Das gilt im positiven wie negativen Sinne, aber vor allem ist es eine Chance, die insgesamt noch viel vehementer ergriffen werden kann. Zunächst kann es dabei darum gehen, sich selbst der Möglichkeiten ausgreifender Gestaltung überhaupt erst bewusst zu werden, um dann in einem zweiten Schritt entsprechende Begriffe für den Prozess und sein Ergebnis zu schaffen. Hier kommt die Anregung des Künstlers Joseph Beuys zum Tragen, von einer Sozialen Plastik zu sprechen und den Einfluss, den jeder einzelne Mensch auf das Entstehen dieser Plastik nimmt und nehmen kann als einen künstlerischen, kreativen Prozess zu definieren. Folglich gilt für eine solche Sichtweise jeder Mensch als ein Künstler.

 

Die Grundlage der Idee einer Sozialen Plastik ist der Mensch, der durch Denken und Sprache soziale Strukturen entwickelt. Diese Entwicklung der Gesellschaft verstand Joseph Beuys als einen kontinuierlichen kreativen Prozess. Die Aufgabe der Kunst sei es, dem Menschen diesen Prozess bewusst zu machen. Der Gesamtzusammenhang der Sozialen Plastik erklärt sich aus einem sozialen, also das Allgemeinwohl betreffenden Handeln und dem Begriff Plastik, der ein modellierfähiges und formbares Gebilde benennt, das visuell, haptisch, akustisch und thermisch erfahrbar ist und mit der Wahrnehmung der Gesellschaft gleichzusetzen ist. Im Gegensatz zu einem rein formalästhethischen Kunstbegriff umfasst die Soziale Plastik als ein anthropologischer Kunstbegriff jegliche kreative menschliche Tätigkeit. Mit allem, was der Mensch gestaltet und somit als eine geistige Leistung schöpferisch hervorbringt, gilt der Einzelne als gesellschaftsverändernd aktiv.

Aus dieser Annahme heraus beschränkt sich die Kunst nicht mehr nur auf materielle Artefakte, die in einem Museum oder einer Galerie ausgestellt werden, sondern auf die gesamte Gesellschaft, in welcher in allen Bereichen nach der Forderung von Beuys die Kunst ihren Platz einnehmen muss, um veraltete Lebensformen durch neue zu ersetzen.

 

Quelle: Wikipedia, Stichwort „Soziale Plastik“

 

Sehen wir auf das Entstehen von zum Beispiel Firmen, in denen bestimmte Produkte produziert werden, ist der Ausgangspunkt der unternehmerischen Initiative ein vollkommen anderer, wenn man den Planungs- und Gründungsprozess bereits als einen kreativ-künstlerischen begreift. Das Material zur Erstellung des Kunstwerks stammt von den beteiligten Menschen, womit nicht nur die monetären Mittel, sondern auch das investierte geistige Kapital gemeint ist. Aus diesem Material formt sich durch die Zusammenarbeit ein Rahmen, in dem die anfängliche Idee in stofflich-gegenständlicher Form erscheint. Nun bildet sich die Brücke zur eigentlichen Bestimmung des Unternehmens, in dem ausgehend von der unternehmerischen Idee und im gestalteten Rahmen Produktionen erfolgen, die den Bedarf von Menschen decken.

Zueinander geordnet ergibt sich folgende Übersicht:

1.Der Ausgangspunkt: Menschen finden sich zusammen, um gemeinsam eine Idee in einem Unternehmen umzusetzen. Sie tauschen sich darüber aus, optimieren die persönlichen Vorstellungen im Dialog mit den anderen Beteiligten. Dabei investieren sie geistiges und schließlich auch monetäres Kapital.

2.Aus Austausch, Beratung und gemeinsamer Entwicklung entsteht ein Rahmen für die beabsichtigte, gemeinsame unternehmerische Tätigkeit. Dieser Rahmen reicht von der Satzung der Gesellschaft bis zur Ebene getroffener Verabredungen. Er erfasst zugleich auch hierarchische Ordnungen, wie zum Beispiel die Schaffung und Verteilung von Ämtern.

3.Nach der Entwicklung und Ausformung der Idee und dem Schaffen der Rahmenbedingungen findet das Unternehmen durch den Übergang in die Produktion seinen eigentlichen Sinn, in dem durch die Leistungen des Unternehmens konkrete Bedürfnisse von Menschen befriedigt werden.

So grob und vereinfacht diese drei Phasen oder Schritte auch beschrieben sind, wird dadurch doch sichtbar, an welchen Stellen die Differenzierung in drei ganz unterschiedliche Erscheinungs- und Wirkensebenen möglich (und sinnvoll) ist. Zugleich erscheint das hier als Beispiel gewählte Ereignis einer Unternehmensgründung der Möglichkeit nach als eben die Soziale Plastik, von der Joseph Beuys als einem Kunstwerk sprach, an dem prinzipiell jeder Mensch (am Beispiel des Unternehmens würden damit die Gründungsgesellschafter ebenso gemeint sein, wie die Arbeiter in der Produktion) beteiligt ist.

Wenn von solchen Denkansätzen ausgegangen wird, ergeben sich Fortschreibungen über die Gründung hinaus. Die drei Glieder der Sozialen Plastik bleiben als solche bestehen und erfordern eine eigene Aktivität. Das freie Geistesleben einer Firma kann beispielsweise zur Aufgabe haben, umfassende Informationen über die Firma, ihre Entwicklung und Anerkennung durch die Verbraucher stets für alle Beteiligten lebendig und frei verfügbar zu halten. Darüber hinaus stünden die Fragen der Mitbestimmung ebenso unter gänzlich anderen Vorzeichen, wie auch das Verhalten der Firma am Markt, was den Umgang mit Mitbewerbern und Konsumenten betrifft.

 

Alternativen sind möglich

 

Den Sozialen Organismus bzw. die Soziale Plastik zu denken und von solchen Gedanken ausgehend zum Entstehen neuer, adäquater Gemeinschaftsbildungen beizutragen, ist gegenwärtig wesentlich einfacher, als noch vor wenigen Jahren. Der freie Austausch von Ideen und ihre Entwicklung wird durch das Internet ebenso erheblich erleichtert, wie zuletzt auch die Finanzierung der Umsetzung in konkrete Geschäftsmodelle. Das Prinzip der so genannten sozialen Netzwerke, wie sie die Web2.0-Welt zunehmend bestimmen, ist aus dem Bedürfnis der Menschen entstanden, einen freien Austausch von Ideen zur Grundlage von Entwicklungen zu machen, die in sich daraus bildenden Gemeinschaften ihre jeweils eigene Relevanz finden können.

Die entsprechenden Regeln sind nicht statisch, wie die Verfassungen vergehender Zeiten, sondern für sich genommen so offen und beweglich veranlagt, dass sie dem Rechnung tragen können, was sich im laufe der Zeit als Lebenstatsachen für den Sozialen Organismus ergeben wird. Das Copy-Left, ursprünglich auf dem Gebiet der Entwicklung von Software entwickelt, taucht in Variationen längst in viel weiteren Gebieten des Lebens auf. Literatur, Kunst, aber auch technische Erfindungen werden unter dem Vorzeichen dieser Verabredung in gemeinsame Entwicklungsprozesse einer (besonders durch das Internet) beschleunigt wachsenden Gemeinschaft gestellt, die auf solchen Wegen Entwicklungsgeschwindigkeiten und -qualitäten erreicht, wie sie ansonsten nur durch den Einsatz nahezu undarstellbarer Kapitalien möglich wären.

Die anfänglich sichtbaren diesbezüglichen Entwicklungen machen Mut zur Zukunft. Unternehmen werden in ganz neuen Formen möglich, ob im Bereich der klassischen Wirtschaft oder der Kultur. Dies ermöglicht jedem einzelnen Menschen eine ganz neue Position innerhalb dessen, was gemeinschaftliches Leben mit anderen ist, es führt aber auch zu neuen Formen der Gemeinschaft, die lebendig und nachhaltig dem dienen, was der ureigensten Interessenlage von Natur und Mensch entspricht.

 

 

Entnommen aus:

Peter Krause (Hrsg.)

Anders: Alternativen schaffen“

ISBN 978-3-86931-837-0

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Gelesen 13091 mal Letzte Änderung am Dienstag, 28 Juli 2015 22:14
Peter Krause

Peter Krause (Krause-Keusemann) studierte Kunst, Pädagogik, Theologie und Betriebswirtschaft.  Als freier Journalist und Buchautor (seine Schwerpunkte sind die Wirtschaft und der medizinische Leistungsbereich) zahlreiche Veröffentlichungen in verschiedenen Zeitschriften und Verlagen.

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