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Mittwoch, 22 Dezember 2010 14:28

Wem nützt eine Komplementärwährung?

geschrieben von 

Wenn an verschiedenen Orten der Welt bereits über 4.000 nicht staatliche Währungssysteme existieren, wenn Tauschringe und Barterverbünde sich immer weiter ausbreiten, dann zeichnet sich der partielle Abschied vom bisher gewohnten Geldsystem unverkennbar ab. Das Ende einer Zeit scheint eingeläutet, in der mit einem an sich neutralen, vollkommen wertlosen Tauschmittel die größten Ungerechtigkeiten hervorgerufen und erhalten werden konnten.

Wenn eine genügend große Zahl an Menschen irgendwann erkannt hat, dass das Geldsystem nur so lange funktioniert, wie es Menschen gibt, die daran glauben und das perfide Spiel der Spekulanten und Finanzjongleure mitspielen, dann beginnt eine Zeit, in der Geld (wieder) als neutrales, praktisches Medium das Wirtschaften erleichtert ohne immer zugleich auch zwangsläufig Nachteile und Zusammenbrüche zu indizieren. Ich hoffe sehr, dass Sie das nicht als eine irreale Utopie abtun, sondern inzwischen damit begonnen haben, darüber nachzudenken, dass das tatsächlich möglich ist und das Sie einen ganz konkreten Beitrag dazu leisten können. Es gibt nichts, außer Ihren anerzogenen Glauben an die absolute und uneingeschränkte Daseinsberechtigung der staatlichen Währungen, die das bestehende, ungerechte Geldsystem in seiner Dominanz erhält. Es ist möglich, angebracht und unter gewissen Vorzeichen betrachtet auch dringend geboten, diesen Zustand durch die Schaffung nicht staatlicher Währungen nachhaltig zu verändern. Das wir uns auf eine Zeit zu bewegen, in der darüber nicht nur gestaunt oder gespottet wird, zeichnet sich derzeit deutlich ab. Was eine Komplementärwährung für den Sozialen Organismus bedeuten kann, möchte ich Ihnen in den drei folgenden Unterkapiteln in aller Kürze andeuten.

 

Komplementäre Währungen für

kleine und mittlere Unternehmen

Jedes kleine, inhabergeführte Fachgeschäft befindet sich in einem zunehmend harten Wettbewerb mit den Filialen der großen Handelsketten. Der Bezug von Waren, der Einkauf von Energie und so weiter erfolgt für ein solches kleines Fachgeschäft zu weitaus höheren Preisen und schlechteren Rahmenbedingungen, als sie die Handelsketten von ihren Zulieferern gewährt bekommen. Da zählt für die großen Unternehmen, was Sie im Kleinen als den so genannten Mengenrabatt kennen. Wer viel abnimmt, bekommt eben die niedrigeren Preise, so wie Sie beim Bäcker beim Kauf von zehn Brötchen das elfte kostenlos erhalten.

Aus den Kosten für den Bezug von Waren und Leistungen ergibt sich zu einem wesentlichen Teil der Preis, den Sie als Kunde letztlich für eine Ware bezahlen müssen. Kauft eine Großbäckerei zu entsprechend niedrigeren Preisen größere Mengen Mehl ein, als der kleine Wettbewerber, werden die Brötchen preiswerter. Das in dem Ganzen ein Problem steckt, wissen Sie vermutlich, denn große Unternehmen gehen im Kampf um niedrige Endpreise wesentlich rücksichtsloser vor, als kleine Händler. Die Tatsache der überregional vernetzten Milchverarbeitung in Großmolkereien diktiert letztlich den Preis, zu dem die Erzeuger ihre Milch (via Großmolkerei) in den Markt bringen. Und das Ergebnis ist, dass der Kauf eines Liters Milch zu einem Preis von weit unter einem Euro in diesem Moment, in dem ich dieses schreibe, für die Milchbauern faktisch unwirtschaftlich ist – und darum implizit als Folge sehr oft eine soziale, existenzgefährdende Schieflage und Tierquälerei auslöst.

Dass das nicht so bleiben muss, haben Sie im vorangehenden Kapitel gesehen, denn es liegt tatsächlich nur an Ihnen, ob dieses Spiel weiter und immer weiter funktionieren kann. Es wäre zu einseitig, wenn ich nicht erwähnen würde, dass in Deutschland vor einigen Jahren eine Gruppe von inzwischen weit über einhundert Bauern eine eigene Molkerei gegründet hat, von der aus die Milchprodukte zu fairen Preisen vermarktet werden. Die Sache ist übrigens ein nachhaltiger geschäftlicher Erfolg, weil es genügend Verbraucher gibt, die die Milchprodukte dieses Verbundes auch kaufen, also von der Möglichkeit der diesbezüglichen Demokratisierung des Geldes auch Gebrauch machen!

Es ist durch komplementäre Währungen möglich, hier noch ein Stück weiter zu gehen. Nehmen wir einmal an, dass der Preiskampf zwischen den kleinen Geschäften und den großen Handelsketten in einem Bereich von mindestens zehn bis fünfzehn Prozent der Endpreise stattfindet, dann würde das bedeuten, dass Sie ein T-Shirt im kleinen Bekleidungsgeschäft für sagen wir zwölf Euro kaufen können, in der Filiale der großen Kette aber für etwa zehn Euro. In einem Komplementärwährungsverbund könnte der Inhaber des kleinen Geschäftes das T-Shirt für zehn Euro und zwei KW (so nennen wir mal die Einheiten der fiktiven Währung) verkaufen. Der Kunde hat die zwei KW durch Nachbarschaftshilfe erworben, die gegen Euro nicht angenommen worden wäre. Er hat also durch seine Teilnahme an der Komplementärwährung einen echten Zuwachs seiner Kaufkraft erfahren. Der Händler, der die zwei KW angenommen hat, kann sie seinerseits sofort im KW-Verbund als Zahlungsmittel verwenden, was wiederum Kaufkraft an den Verbund bindet.

In einem starken KW-Verbund können Leistungen auch auf Kredit erfolgen. Handwerker können zum Beispiel das kleine Bekleidungsgeschäft renovieren, dass dafür die benötigten KW zinsfrei als Vorschuss auf künftige Einnahmen erhält. Die Vergabe von Krediten auf der Basis komplementärer Währungen kann selbst geschaffenen Regeln folgen, die wirklichkeitsgerechter ausgestaltet sind, als die Regeln der profitorientierten Banken. Wenn der Händler nun seinen für die Renovierung erhaltenen KW-Kredit an den Verbund zurück zahlt, könnten Sie als Verbraucher Ihr nächstes T-Shirt sogar zu hundert Prozent in KW bezahlen, weil der Inhaber des Bekleidungsgeschäftes eben schon vorher wusste, was er mit den KW von Ihnen anfangen wird. Solche Beispiele gibt es in der Praxis tatsächlich immer mehr.

 

Komplementäre Währungen für

bestimmte Sektoren

Neben der Möglichkeit, in einer Stadt oder einer Region eine eigene Währung zu installieren, besteht natürlich auch die Möglichkeit, sektoral eigenes, nichtstaatliches Geld zu schaffen und in den Umlauf zu bringen. Dafür möchte ich als Beispiele zwei Bereiche beschreiben.

Es kann eine bestimmte Branche einen Währungsverbund bilden, zum Beispiel der „Gesundheitsbereich“. Hierfür kommen also solche Unternehmen und Personen infrage, die mit der Erhaltung, Pflege oder Wiederherstellung der Gesundheit zu tun haben: Apotheken, Krankenpflegerinnen und -pfleger, Therapeuten, Ärzte, Heilpraktiker, Sanitätshäuser und so weiter. Ein solcher Verbund kann für die eigenen Leistungen zum Teil oder ganz die eigene Währung anerkennen, womit Leistungen bezahlbarer würden, die nicht von den Krankenkassen vergütet werden, zum Beispiel Naturheilverfahren und -medikamente. Es kann die sektorale Gesundheitswährung aber auch als Gehaltsbestandteil angewendet werden, was die oft niedrigen Gehälter in diesem Bereich aufbessern könnte. Solche Gehaltsbestandteile können den AnbieterInnen von Gesundheitsleistungen vom Verbund als Schenkgeld zugewendet werden. Dabei ist natürlich zu beachten, dass die Komplementärwährung als Gehaltsbestandteil von einem gewissen Umfang an auch den gewöhnlichen Abgaben zu unterwerfen ist, die (bislang noch) in Euro abgeführt werden müssen. Aber ein Zuwachs an Liquidität ist es für ein Krankenhaus zum Beispiel allemal, dass einen Teil der Mitarbeitergehälter in der Komplementärwährung ausbezahlt. Eine solche Währung wäre als Zahlungsmittel bei den Händlern der Region sicherlich auch gern willkommen, denn die Händler können damit ihrerseits Gesundheitsleistungen bezahlen – und gewinnen auf jeden Fall neue, zufriedene Kunden.

Für einen weiteren Bereich, nämlich den der großen Unternehmen kommt die Schaffung sektoraler Komplementärwährungen ebenso infrage. Stellen Sie sich ein größeres Unternehmen, etwa eine Handelskette mit Niederlassungen in vielen verschiedenen Städten oder einen großen Onlinehändler vor. Ein solches Unternehmen verfügt über einen hohen Bekanntheitsgrad, hat viele Kunden, aber auch das gleiche Problem, wie kleinere Firmen: Liquide Geldmittel sind notwendig, aber nicht einfach zu bekommen. Eine eigene Währung kann da Abhilfe schaffen. Eine eigene Währung kann als Zahlungsmittel für Lieferanten und Mitarbeiter eingesetzt werden, womit die Euroausgaben und die Kosten des Geldes (die Darlehenszinsen) in der Gewinn- und Verlustrechnung sinken. Die ausgegebenen Geldmittel werden als Zahlungsmittel für die eigenen Waren und Leistungen anerkannt, was die Annahmebereitschaft bei Lieferanten und Mitarbeitern gleichviel fördert. Hier ist zu beachten, dass alle Umsätze, also auch die auf die komplementäre Währung lautenden, ordnungsgemäß versteuert werden müssen. Aber das ist sicherlich kein Problem, wenn man bedenkt, dass benötigte Finanzmittel in größerem Stil auf diese Weise buchstäblich „geschaffen“ werden können. Sektorale Währungen für Unternehmen können in ihrer Gültigkeit so begrenzt werden, das nach einem Umlauf, dass heißt nach dem „Zurückkommen“ des Geldes zum ausgebenden Unternehmen, das Geld seine Gültigkeit verliert. Auf diese Weise würde also ein zeitlich begrenztes Liquiditätsproblem gelöst, ohne langfristig eine eigene Währung betreiben zu müssen. Dieses Prinzip eines einfachen Umlaufs wird uns im nächsten Abschnitt in Bezug auf öffentliche Haushalte und Kassen auch noch beschäftigen.

Sie sehen, dass mit einer eigenen, nicht staatlichen Währung sehr kreativ Netzwerke ganz eigener Art geschaffen und außerordentlich starke Wirkungen erzielt werden können. Nun werden Sie sich vielleicht fragen, warum nicht längst viel mehr Menschen auf die Idee gekommen sind, eine eigene Währung zu schaffen, statt sich über Banken zu ärgern, die notwendige Kredite verweigern. Die Antwort ist ganz einfach: Die Unsicherheit ist noch zu groß. Noch! Eine neue Zeit, mit der viel näher liegenden Bereitschaft, auch auf diesem Feld neue Wege gehen zu wollen, hat aber bereits begonnen.

 

Komplementäre Währungen und

öffentliche Haushalte und Kassen

Als, ausgelöst durch die so genannte Finanz- und Wirtschaftskrise, jüngst diverse staatliche Unterstützungsmaßnahmen beschlossen und durchgeführt wurden, konnte ich nicht anders, als mich zu fragen, was für eine Chance für die Verbreitung einer zum Beispiel deutschlandweiten Komplementärwährung da verpasst wurde. Es wurden durch die Vergabe von hohen Milliardensummen Schuldenberge aufgetürmt, deren Verzinsung und Tilgung für Generationen schier untragbare Lasten sein werden.

Die Tatsache einer Kreditvergabe an und durch den Staat ist an sich schon eine absurde Sache, denn dadurch gibt der Geldschöpfer sich selbst einen Kredit, dessen Verzinsung er später an die von ihm selbst geschaffenen Banken zahlt. Dadurch werden (wiedermal) die Reicher immer reicher und die Armen immer ärmer. Aber da es diese Regel des Geldmarktes nun einmal gibt, hätte man zumindest für die Bewältigung der Folgen der Krise ein eigenes, zeitlich begrenzt gültiges Geld schaffen können.

Stellen Sie sich einmal vor, wie es gewesen wäre, wenn ein „Krisen-Euro (KE)“ als in seiner Laufzeit begrenztes, zinsfreies Geld in den Markt gebracht worden wäre. Man hätte seine Verteilung durchaus steuern können und die Werthaltigkeit durch Leistungszusagen der wichtigsten Verbundpartner sichergestellt. Zu diesen Partnern hätte natürlich auch der Staat gehört, der sich bereit erklärt hätte, zu einem Teil und von bestimmten Systempartnern die Steuern und Abgaben in KE zu akzeptieren. Nehmen wir einmal an, kleine und mittlere Unternehmen hätten ihre Steuern - sagen wir zur Hälfte - in KE bezahlen können, dann wäre die Annahmebereitschaft für KE durch diese Gewerbetreibenden kein Problem gewesen. Die KE hätte man dann dort als Förderzuwendung oder zinsfreies Darlehen ausgeben können, wo die Not am größten ist: an Firmen mit akutem Liquiditätsbedarf, an Menschen ohne oder mit zu geringem Einkommen, an Kommunen mit überschuldeten Haushalten und so weiter und so fort. Die KE wären in ihrer Gültigkeit auf einen bestimmten Zeitraum begrenzt, wodurch das Problem einer zu großen Geldmenge vermeidbar gewesen wäre. Im Laufe der Zeit hätten die KE an Wert verlieren können, wobei an einer bestimmten Grenze, die durch die Halbierung des Wertes im Verhältnis zum Euro hätte bestimmt sein können, ein Umtausch in die Landeswährung möglich gewesen wäre.

Das ist natürlich eine kühne Idee. Aber denkbar und durchführbar ist die Ausgabe einer Komplementärwährung für bestimmte Zwecke und einen begrenzten Zeitraum durchaus. Der Effekt, dass die an sich schon robusteren Komplementärwährungen die Landeswährungen in ihrer Inflationsanfälligkeit stützen können, ist ansatzweise schon untersucht und nachgewiesen worden. Jetzt werden Sie wieder fragen: Warum macht „man“ das denn nicht, wenn es doch so einfach ist? Aber das solche Möglichkeiten überhaupt denkbar sind und Fragen nach einer gerechteren Wirtschaft gestellt werden, ist an sich schon ein Phänomen, das in die richtige Richtung weist.

Entnommen aus:

Peter Krause (Hrsg.)

Anders: Komplementärwährungen“

ISBN 978-3-86931-836-3

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Gelesen 37089 mal Letzte Änderung am Dienstag, 28 Juli 2015 22:36
Peter Krause

Peter Krause (Krause-Keusemann) studierte Kunst, Pädagogik, Theologie und Betriebswirtschaft.  Als freier Journalist und Buchautor (seine Schwerpunkte sind die Wirtschaft und der medizinische Leistungsbereich) zahlreiche Veröffentlichungen in verschiedenen Zeitschriften und Verlagen.

Weiterlesen: fairventure.de/lexikon/item/14-peter-krause

Webseite: www.aktiv-zukunft-leben.de