Mittwoch, 22 Dezember 2010 14:21

Typisierung von Komplementärwährungen

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Weit mehr als 4.000 Systeme zur Handhabung komplementärer Währungen sind inzwischen weltweit entstanden. Von sehr großen Systemen, wie dem WIR-Verrechnungsring bis hin zu kleinen nachbarschaftlich organisierten Tauschringen reicht die Bandbreite. Dabei haben sich die unterschiedlichsten Währungsarten entwickelt. Schon äußerlich betrachtet finden sich rein digitale Verrechnungseinheiten, Wertgutscheine oder auch das gute alte Warengeld. Doch sind solche Äußerlichkeiten wirklich maßgebend für die Qualität eines Geldsystems?

In diesem Beitrag wird der Versuch unternommen, Geld auf seine Grundzüge zurückzuführen und daraus eine Typologie der verschiedenen Komplementärwährungen zu entwickeln. Dabei dient die Arbeit von Edwin C. Riegel (1879-1953), einem amerikanischen Privatgelehrten, der eine eigene, bisher durch die Wissenschaft nicht anerkannte Anschauung von Geld entwickelt hat, als eine wichtige Grundlage. Diese wurde von Thomas H. Greco einem heutigen Geld-Denker aufgearbeitet und weiterentwickelt. Eine weitere Grundlage ist die Betrachtung von Geld als zweckgerichtete Einrichtung in der Gestaltung von menschlichen Beziehungen.

Ein Bewertungssystem wird präsentiert, anhand dessen eine Charakterisierung der überwiegenden Zahl von Komplementärwährungen möglich wird. Die daraus abgeleitete Typologie erlaubt eine eindeutigere Zuteilung der einzelnen Systeme, als dies durch bisherige Ansätze möglich war.

1. Warum eine Typologie für Komplementärwährungen?

Wie lassen sich Komplementärwährungen typisieren? Es gibt in der Literatur erstaunlicherweise erst wenige stimmige Ordnungssysteme zu diesem Thema. Zumeist wird dabei von einem hergebrachten Geldverständnis der Volkswirtschaftslehre ausgegangen, das die Besonderheiten von modernen Komplementärwährungen kaum erfassen kann. Hier wird nun der Versuch unternommen, aus einem anderen, bisher in der Wissenschaft wenig beachteten Verständnis für Geld heraus, die verschiedensten heute auftretenden Komplementärwährungs-Systeme einer einheitlichen Typologie zugänglich zu machen. Die vorgestellte Basis ist dabei noch entwicklungs- und ausbaubedürftig, zeigt aber eine neue Denkweise auf und bringt diese hiermit zur erweiterten Diskussion an ein fachlich interessiertes Publikum.

Welche Möglichkeiten von Ein- und Zuordnungen ergeben sich, wenn eine Typisierung verschiedener Währungsformen weitgehend übereinstimmend möglich wäre? Könnte daraus auch auf den Erfolg von einzelnen Komplementärwährungsorganisationen geschlossen werden? Diese Fragen stellten sich anhand einer Masterarbeit über Komplementärwährungen am Verbandsmanagement Institut (VMI) der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg/Schweiz. Aus dieser Fragestellung entwickelte sich der hier vorliegende Ansatz.

Anlässlich der ersten Wittener Septemberkonferenz vom Coinstatt-Kooperationsring am 25. September 2010 konnte dem anwesenden Fachpublikum aus der laufenden Arbeit ein erster Teil vorgestellt werden. Dieser Artikel ist die überarbeitete und erweiterte Version des Vortrages. Er wird als erster Teil der Masterarbeit noch um Hintergründe und genaue Quellenangaben ergänzt und weiterentwickelt.

2. Bestehende Einteilungen

In der entsprechenden Literatur im deutschsprachigen Raum finden sich häufig einzelne Einteilungen, Schemata oder Ordnungsraster für Komplementärwährungen. Zumeist sind sie Ableitungen der beiden im folgenden vorgestellten Typologien des Regiogeld e.V. und von Lietaer/Kennedy. Weitere Ansätze stammen aus dem Bereich des „Freigeldes“ also der Bewegung, die aus den geldreformerischen Bestrebungen von Silvio Gesell (1862-1930) entstanden ist. Einzelne Ansätze kommen auch aus ethnologischer Richtung.

An dieser Stelle kann nicht weiter auf die entsprechenden Konzepte eingegangen werden. Die Grundlagen und ein Literaturnachweis werden im Rahmen der Masterarbeit ausführlich dargelegt.

2.1 Typologie nach Regiogeld e.V.

Der Verband der deutschen Regiogeldorganisationen, Regiogeld e.V., hat eigene Wertestandards und Qualitätskriterien für Regiogeld geschaffen. Diese gelten für alle Mitgliedsorganisationen. Darin werden jedoch keine Angaben zu einer Systematik oder Typologie gemacht. Hingegen werden im praktischen Umgang des Verbandes1 und in begleitenden wissenschaftlichen Arbeiten, siehe z.B. bei Spanknebel2 oder Bickelmann3 zwei klare Typen von Regionalgeld nach ihrer Ausgabeform oder „Absicherung“ unterschieden:

  1. Eurogedeckte Regionalgelder: Regiogeld-Gutscheine werden gegen Euro getauscht. Der entsprechende Eurogegenwert wird bis zu einem eventuellen Rücktausch auf einem Rücklagenkonto hinterlegt.
  2. Leistungsgedeckte Regionalgelder: Regiogeld-Gutscheine werden hier gegen ein „Leistungsversprechen“, meist eines Unternehmens aber auch von Personen im Rahmen von Tauschringen, herausgegeben.
  3. Als dritte Möglichkeit werden noch Mischsysteme genannt, die versuchen einen separaten Teil ihrer ansonsten meist eurogedeckten Gutscheine als leistungsgedeckte Gutscheine herauszugeben. Die beiden Gutscheine sind dann aber nicht direkt konvertierbar.

Die zentrale Unterscheidung nach „Deckung“ beruht vermutlich auf dem Umstand, dass Regionalgeldinitiativen zuerst Menschen und Unternehmen überzeugen müssen, mitzumachen, um die Gutscheine zu akzeptieren. Dazu kann nur auf dem heute in der Bevölkerung vorhandenen Verständnis vom Wesen des Geldes als „Wert an sich“ aufgebaut werden. Darin steht die Frage nach einer „Deckung“ des Geldes sicher sehr weit vorne.

2.2 Typologie der Währungen nach Kennedy/Lietaer

Eine spezifische und ausführliche Typologie der Währungen findet sich im grundlegenden Buch Regionalwährungen von Margrit Kennedy und Bernard A. Lietaer 4. Dabei wird versucht, ein Schema aufzustellen, bei dem alle Formen von Währungen klassifiziert werden können, Zitat Kennedy/Lietaer (2004), S. 237: Wir werden also alle Formen von Währungen klassifizieren,seien sie nun konventionell oder komplementär, historisch belegt oder noch im aktuellen Entstehungsprozess begriffen. Die Autoren schlagen im Folgenden eine Einteilung in fünf verschiedene Dimensionen vor, nämlich:

  • Zweck oder Ziel

  • Medium

  • Funktion

  • Geldschöpfungsprozess

  • Mechanismus der Kostendeckung

Auf einer zweiten Ebene werden entsprechende Attribute eingeführt. Bei einigen Attributen werden dann auf einer dritten Ebene zusätzliche Unterscheidungskriterien angegeben. Die Typologie ist umfassend aber nicht sehr übersichtlich. Bei vielen Systemen müssen außerdem ganze Bündel von Attributen verteilt werden oder es wird ein Mischkriterium vergeben, was die Unterscheidung erschwert. Zum Beispiel bei „Medium“ wird in „Warengeld“, „Papier und Münzen“, „Elektronisches Geld“ und „Kombinationsformen“ unterschieden. Die meisten Komplementärwährungen müssten wohl in den Bereich „Kombinationsformen“ eingeteilt werden, wobei die Zuteilung keinen großen Erkenntnisgewinn ergibt.

3. Grundlagen der neuen Typologie

Im hier vorliegenden Text wird nun versucht, diese Nachteile zu umgehen, indem zuerst die Grundlage eines bestimmten Geldverständnisses erarbeitet wird. Daraus können anschließend verschiedene Merkmale abgeleitet und im dritten Schritt zueinander in Bezug gesetzt werden. Ziel ist, eine möglichst klare Differenzierung verschiedener Währungen zu ermöglichen. Bei einer Häufung von sehr ähnlichen Attributen bei verschiedenen Währungen kann dann von einem bestimmten Typ gesprochen werden.

Da fast alle Komplementärwährungen aus einer bestimmten Idee als Problemlösung für soziale und wirtschaftliche Fragestellungen entstanden sind, wird dieser Punkt als zentrales Kriterium miteinbezogen. Weiter wird die Vorstellung verwendet, dass eine Komplementärwährung auch als Organisation existiert, die durch Partizipation, Mitgliedschaft oder Mitarbeit und ein gegenseitiges Vertrauen am Leben gehalten wird. Dieser Aspekt wird bei den heutigen „Nationalwährungen“ kaum beachtet. Stattdessen wird häufig davon ausgegangen, dass das Geld die Gesellschaft trägt obwohl das umgekehrte der Fall ist. Bei Komplementärwährungen fällt dieser Verschleierungseffekt weg und es ist zumeist rasch ersichtlich, dass die beteiligten Menschen mit ihrem Verhalten das Wesen des verwendeten Geldes bestimmen.

Für die Typologie einer Währung wird somit der ideelle Kern zu berücksichtigen sein, ebenso aber auch die Regeln, nach welchen man Mitglied werden kann oder die Währung verwenden darf.

3.1 Kategorisierung nach Greco/Riegel

Als Basis und Ausgangslage dient eine Kategorisierung der Währungen enthalten im neusten Buch von Thomas H. Greco5. Die praxisbezogene Kategorisierung findet sich bei Greco im Kapitel How Complementary Currencies Succeed or Fail. Unter Bezugnahme auf Ideen und Prinzipien von E.C.Riegel6 gibt er folgende grobe Kategorien vor, in die Faktoren eingeteilt werden können, die zu Erfolg oder Misserfolg eines Austauschsystems beitragen:

1. die Architektur des Austauschsystems oder der Währung an sich,

2. das Management des Austauschsystems oder der Währung,

3. die Einführungsstrategien (implementation strategies),

4. der Kontext in welchen die Währung oder das Austauschsystem eingebettet ist

Die Architektur wird näher erläutert. Dazu dienen drei Schlüsselfragen, die drei (Konstruktions-) Prinzipien repräsentieren, wie eine erfolgreiche Währung aufgebaut sein müsste:

1. Wer ist qualifiziert die Währung auszustellen?

2. Auf welcher Basis soll die Währung ausgestellt werden?

3. Wie viel Währung kann von jedem Aussteller in Zirkulation gebracht werden?

Im später folgenden Kapitel 18 Organizational Forms and Structures for Local Self-Determination and Complementary Exchange werden weitere Punkte aufgeführt.

Ebenfalls werden einige Hinweise zu erfolgreichen Einführungsstrategien gegeben und der Kontext wird mittels zweier erfolgreicher Beispiele, der WIR-Bank (Schweiz) und von „Social Money“ (Argentinien) erläutert. Als wesentlicher Punkt wird darauf hingewiesen, dass beide Modelle in jeweiligen Krisenzeiten entstanden sind. Nicht behandelt wird der Punkt 2. Das Management der Währung. Eine Anwendung oder weitere Verwendung der Kategorien wird im Buch ebenfalls nicht dargestellt.

Die Grundlage von Greco wird hier verwendet, um eine Typologie als Zuordnungsschema der Architektur eines Systems zu entwerfen.

3.2 Herleitung der Grunddimensionen

Durch die Typologie soll also die Architektur einer Währung charakterisiert werden.

Die drei Grundprinzipien von Greco sollen dabei als Ausgangspunkt dienen.

Im Anschluss daran postulieren wir ein zusätzliches viertes Kriterium, die Zweckgrundlage, die bei Komplementärwährungen eine entscheidende Rolle spielt.

3.2.1 Prinzip 1: Wer ist qualifiziert die Währung auszustellen?

Antwort nach Greco (S. 146): Anyone who offers goods and services for sale in the market is qualified to issue currency.

Oder erweiterte Antwort nach Riegel7 : A would-be money issuer must, in exchange fort he goods or services he buys from the market, place goods or service on the market. In this simple rule of equity lies the essence of money.

Diese Grundlage ist an und für sich richtig, sollte aber erweitert werden, denn wir können, entgegen den beiden amerikanischen Autoren, nicht davon ausgehen, dass ein idealer Markt und vollständige Selbstverpflichtung erreicht werden kann. Die Frage wird deshalb etwas abgewandelt zu: Wer ist berechtigt, die Währung auszustellen? Die Antwort darauf ergibt uns eine Dimension A) der Typologie:

Berechtigung, die Währung auszustellen haben/hat:

Alle/alle Mitglieder/viele kleine Gruppen/wenige grosse Gruppen/Nur eine Zentralstelle

 

  • Alle: Alle die mitmachen wollen, z.B. bei bestimmten japanischen Systemen.

  • Alle Mitglieder: Jede als Mitglied beteiligte Person selbst kann Währung schöpfen. Z.B. bei den meisten Zeittauschsystemen.

  • Viele kleine „Gruppen“ (Unternehmen, Organisationen): Z.B. nur KMU-Unternehmen wie beim WIR.

  • Wenige große „Gruppen“: Z.B. die Geschäftsbanken bei den meisten nationalen Währungen.

  • Nur eine Zentralstelle: Z.B. der Trägerverein bei den meisten Regio-Geldsystemen.

 

3.2.2 Prinzip 2: Auf welcher Basis soll die Währung ausgestellt werden?

Auf diese Frage gibt Greco8 als Antwort ein seit langem bekanntes Bankenprinzip: Money should be issued on the basis of goods already in the market or on the way to the market.

Das heisst Geld wird durch eine Bank auf der Basis von potentiell vorhandenen Gütern (und Dienstleistungen) als Kredit ausgegeben. Weiter unterscheidet er zwischen turnover credit (Betriebskredit, kurzfristiger Kredit) und investment credit (Investitionskredit, längerfristiger Kredit). Das obige Bankenprinzip darf für eine Währung nur für Betriebskredite gelten. Investitionskredite dürften nicht mittels Geldschöpfung, sondern nur mittels bereits vorhandenem aber aktuell nicht gebrauchtem Geld („Spargeld“) gewährt werden.

Auch diese Grundlage ist soweit richtig und sollte befolgt werden, muss aber noch etwas erweitert werden. Genau gesehen sind nicht die potentiell vorhandenen Güter und Dienstleistungen der Grund für die Gewährung eines Kredites, sondern die vorhandenen Fähigkeiten einer Person oder Unternehmung dieses Potential auch zu realisieren. Bei jeder regulären Kreditvergabe einer Bank wird mit mehr oder weniger tauglichen Mitteln versucht, die Vertrauenswürdigkeit des potentiellen Kreditnehmers zu beurteilen. Diese Beurteilung hat auch das letzte Wort über alle Zahlen und Rechnungen, wird jedoch häufig „nur“ als „Bauchgefühl“ des Bankers bezeichnet.

Wir stoßen hier also auf die Basis „Vertrauen in die Mitmenschen“. Wie erscheint dieses nun im Aufbau einer Währung? Eine Währung entsteht und lebt nun nicht durch einen Einzelkredit, sondern durch die Summe aller gegenseitigen Kredite aller Beteiligten. Maßgebend ist die Qualität des Vertrauens, d.h. wie stark einerseits Selbstverpflichtung und Kontrolle der Verpflichtungen ausgestaltet sind und andererseits wie groß die Bereitschaft anderen zu vertrauen und ihnen tatsächlich auch Kredit zu geben ist.

Wir können unterscheiden zwischen Währungen mit:

Reiner Personalkredit/Waren und Dienste/Sachwerte/Grund und Boden gegen höherwertiges Geld

  • Reiner Personalkredit: Kredit wird Leuten (Unternehmen) direkt aufgrund ihrer Fähigkeiten und ihres bisherigen Werkes gegeben. Hohe Form des Vertrauens.

  • Kredit auf Waren und Dienste: Kredit wird Leuten (Unternehmen) aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit und potentiell vorhandenen Waren aus ihrer Tätigkeit gegeben.

  • Kredit auf Sachwerte: Kredit wird Leuten und vor allem Unternehmen aufgrund von im Umfeld vorhandenen Werten (Maschinen, Gebäuden, Rechte, Goldbarren) gegeben

  • Kredit auf Grund und Boden: Kredit wird Leuten und Unternehmen aufgrund von Bodenbesitz erteilt.

  • Kredit gegen höherwertiges Geld: Kredit und Geld wird Leuten und Unternehmen aufgrund von höherwertigem Geld gegeben. Z.B. die meisten Gutscheinsysteme, auch Regiogelder mit sogenannter „Eurodeckung“. Tiefe Form des Vertrauens.

3.2.3 Prinzip 3: Wieviel Währung kann von jedem Aussteller in Zirkulation gebracht werden?

Diese Frage ist die Schlüsselfrage zur Steuerung einer Währung. Riegel beantwortet sie wie folgt: Each person or cooperation is entitled to create as much money, by buying, as he or it is able to redeem by selling9. Er sieht also als Ideal, dass jede Person oder Unternehmung eine solche Menge an Geld herausgeben könnte, die sie danach/später auch wieder durch eigene Leistungen „zurückzukaufen“ in der Lage wäre.

Für ein Geldsystem steht der möglichst „punktgenaue“ laufende Ausgleich von Nachfrage und Angebot als Aufgabe im Raum. Dazu soll ein stabiles System dienen, das immer am richtigen Ort genügend Geld zur Verfügung stellen sollte. Dabei spielt die Zeit eine entscheidende Rolle. Ein Gleichgewicht kann nur jeweils periodenweise bestimmt werden, wie schon heute bei den Jahresbilanzen der Unternehmen. Dazwischen ist jeweils ein unbestimmter Zustand, wo zuviel Geld oder zuwenig Geld vorhanden sein kann. Dies führt zur trivial scheinenden erweiterten Formulierung, analog dem Grundgesetz jeder Buchhaltung:

Jede Person oder Gruppierung in einem Geldsystem ist berechtigt soviel von diesem Geld in einer bestimmten Periode herauszugeben, als sie bis zum Ende der gleichen Periode imstande ist, wieder einzunehmen.

Greco10 kommt daraus abgeleitet auf die Bestimmung einer spezifischen Kreditlimite für Unternehmungen, basierend auf den bisherigen regelmässigen Rückflüssen. Beispielsweise eine Gemüsekooperative hätte einen regelmässigen Jahresumsatz von 1 Million $ und würde als Mitglied eines Geldsystems nun auf der Basis einer Periode von 100 Tagen (ca. 3 Monaten) eine Kreditlimite (oder Geldschöpfungsmöglichkeit) von 250.000 $ erhalten. Soweit ist dieses Prinzip für „produzierende Menschen und Betriebe“ sicher ein guter Anhaltspunkt.

Wesentlich an der obigen gegen Riegel erweiterten Formulierung ist also der Begriff der Periode. Hier ist natürlich der Knackpunkt, denn welche Periode wird nun angesetzt? Einige Denkbeispiele:

  1. Verkaufsgeschäft: Jahresperiode, sollte am Ende des Jahres alle Kosten gedeckt haben.

  2. Neubau Fabrik: Sollte nach zehn Jahren die Kosten der Erstellung wieder gedeckt haben.

  3. Kind: Sollte mit 40 Jahren die Kosten von Ausbildung und Erziehung gedeckt haben.

  4. Person im Pensionsalter: Sollte mit 65 Jahren die Lebenshaltungskosten bereits bis 85 vorgearbeitet haben

Das Prinzip von Riegel relativiert sich hierdurch schon sehr stark. Noch etwas schwieriger wird es, wenn wir z.B. eine invalide Person nehmen, die ihr ganzes Leben lang nie die Kosten für das was sie benötigt wieder rückerstatten kann. Insofern kann auch die erweiterte Formulierung hier nicht als Bezugsgrösse übernommen werden, obwohl der Grundsatz in vielen Fällen gültig ist.

Die Frage bleibt aber, wie die Gesamt-Währung sicherstellt, dass am Ende einer Periode jeweils der Gesamt-Kontostand ausgeglichen ist. Dies ist nicht trivial für eine Währung, denn wenn dies nicht sichergestellt ist, drohen Inflation oder Finanzkrisen. Eine tatsächliche Gesamtbilanz aller Wirtschaftsvorgänge, ist in den meisten Fällen nicht realisierbar. Ausnahmen sind kleine Systeme und Zeitbörsen mit zentraler Kontoführung. Aber auch da fehlen ja meist die realen Bezugsdaten, in welcher Lebenssituation oder Phase sich die angeschlossenen Nutzer und Organisationen gerade befinden. Somit hat auch eine vollständige Geldbilanz nur bedingte Aussagekraft.

Welche Instrumente könnten nun angewendet werden, um diesen periodisch notwendigen Ausgleich einer Währung trotzdem zu beurteilen? Es wäre zum Beispiel möglich, die Zirkulation der Währung aufgrund des nicht verwendeten (ungenutzten) oder des mangelnden (fehlenden) Geldes zu beurteilen. Diese Komponenten sind wesentlich statischer, als das effektiv zirkulierende Geld. Doch auch die Bestimmung dieser Grössen ist bei einer Währung häufig nicht einfach möglich. Somit muss auf eine andere noch einfachere Grösse ausgewichen werden. Es handelt sich um die „Konstruktion“ der Zirkulationssteuerung.

Die passende Frage dazu lautet: Nach welchem Prinzip zirkuliert die Währung?

Massgebend dafür sind die Kosten resp. Prämien der Geldhaltung“ (auch Liquiditätsprämien genannt11). Häufig wird in diesem Zusammenhang auch vom Geldzinssatz gesprochen. Der Leitzins der jeweiligen Nationalbank in den bestehenden allgemeinen Währungen ist dafür ein Anhaltspunkt. Die Verhältnisse sind durch die Geldschöpfungsmöglichkeiten der Geschäftsbanken jedoch komplizierter.

Wir können also unterscheiden zwischen Währungen mit:

 

Große Geldhaltungskosten/kleine/Null/kleine/große Geldhaltungsprämien

  • Geldhaltungskosten führen dazu, dass die Währung sich automatisch über die Zeit abbaut. Bsp. Schwundgeld oder Gutscheine mit beschränkter Gültigkeitsperiode. Dies wird auch als Umlaufsicherung bezeichnet, da es dazu anregt, Geld möglichst rasch weiterzugeben und nicht zu horten. Somit wird die Kontrolle der Gesamtbilanz über die Zeit tendenziell einfacher (negative Rückkoppelung), respektive durch die laufend notwendige Neuherausgabe der Währung ist eine starke Einfluss- und Korrekturmöglichkeit auf bestehende Währungs-Substrukturen (Vermögen, Eigentumsanhäufungen) vorhanden.

  • Null: Hier sind Währungen, die sich weder entwerten, noch durch positive Zinsen aufblähen. Typischerweise z.B. Zeittauschsysteme. Durch die Indifferenz kann jedoch leicht eine Stagnation entstehen.

  • Geldhaltungsprämien führen dazu, dass eine Währung sich über die Zeit automatisch ausdehnt und wächst. Zum Beispiel alle offiziellen Währungen. Dies ist Chance, aber auch Zwang zum Wachstum. Geld wird dabei bevorzugt „angelegt“ und gehortet, da dadurch die Geldhaltungsprämie zusätzlich anfällt. Somit wird die Kontrolle der Bilanz über die Zeit tendenziell anspruchsvoller (positive Rückkoppelung), respektive die laufend notwendige Neuherausgabe der Währung hat einen verstärkenden Einfluss auf bestehende Währungs-Substrukturen (Vermögen, Eigentumsanhäufungen).

Wichtig bei dieser Betrachtung ist, dass nur die eigentliche Geldebene betrachtet wird. Korrekturen, z.B. durch Steuern oder anderweitige Gebühren, sollten hier nicht berücksichtigt werden.

3.2.4 Prinzip 4: Welchem Zweck dient die Währung?

Als zusätzliches viertes zusätzliches Prinzip schlagen wir vor, die Zweckgrundlage (oder Grundkonzeption), einer Währung zu betrachten. Diese spielt bei Komplementärwährungen eine entscheidende Rolle und ist zumeist bereits als Gründungsimpuls wirksam. Sehr viele Komplementärwährungen haben in ihrer Anfangszeit starke altruistische Züge. In diesem Sinne können sie auch gut der generellen Konzeption von Organisationen des Nonprofit-Sektors zugeordnet werden.

Die Frage zu diesem Prinzip lautet: Wofür dient die Währung und zwar in der Dimension Individuum (Egoismus) vs. Allgemeinheit (Altruismus). Dabei sollte primär auf den Zweckartikel der jeweiligen Organisation oder falls nicht vorhanden auf die effektiv postulierte oder praktizierte Ausrichtung abgestellt werden.

Die Währung dient vor allem:

Einzelnen/Gruppen für sich selbst/der Währungsgemeinschaft/Gruppen für andere/der Allgemeinheit

 

  • Einzelnen: Die Währung soll für Einzelne einen möglichst hohen Wohlstand generieren. Eine direkte Gemeinnützigkeit ist nicht bezweckt, z.B. historische Fürstenwährungen.

  • Die Währung dient Gruppen für sich selbst, z.B. bei Unternehmen die meisten Rabatt-Systeme

  • Die Währung dient einer gemischten Währungsgemeinschaft: Die Währung soll allen (potentiellen) Mitgliedern dienen, z.B. WIR-Genossenschaft, aber auch Lunchchecks (Essensgutscheinsystem in der Schweiz).

  • Die Währung dient Gruppen, um für andere Gruppen positive Effekte zu erzielen, z.B. Zeitbörsen für sozial Benachteiligte.

  • Die Währung dient der gesamten Allgemeinheit, als schwer verwirklichbares Ziel, heute keine aktuellen Beispiele. Es existieren aber Anregungen für eine „Weltwährung“ oder globale Referenzwährung, z.B. Bancor von Keynes12 oder Terra von Lietaer13.

4. Bewertung in der Übersicht

Somit können die einzelnen oben beschriebenen Grössen nochmals ergänzt, zusammengestellt und in eine Übersicht gebracht werden. Dazu wird folgende Gewichtung und Reihenfolge der Argumente vorgeschlagen. Das Resultat soll in Form von einfachen Diagrammen dargestellt werden können.

4.1 Währungszweck

Welchem Zweck dient die Währung? Diese wichtigste Währungsgrundlage soll hier als Hauptcharakteristikum dienen.

Dimension: Einem (Egoismus) <-> Allen (Altruismus)

Bewertung: 1 bis 5

  1. Einzelnen

  2. Gruppen für sich selbst

  3. Währungsgemeinschaft

  4. Gruppen für andere

  5. der Allgemeinheit

4.2 Vertrauensbasis

Auf welcher Basis soll die Währung ausgestellt werden?

Dimension: tiefes Vertrauen in Menschen <-> hohes Vertrauen in Menschen

Bewertung: 1 bis 5

    1. Kredit gegen höherwertiges Geld

    2. Kredit auf Grund und Boden

    3. Kredit auf Sachwerte

    4. Kredit auf Waren und Dienste

    5. Reiner Personalkredit

4.3 Geldschöpfungskreis

Wer ist qualifiziert die Währung auszustellen? Oder noch besser: Durch welche zugrundeliegende Aktion wird die Währung geschöpft?

Dimension: Eine Stelle (zentral, leicht kontrollierbar) <-> Alle (dezentral, schwieriger kontrollierbar)

Bewertung: 1 bis 5

  1. Nur eine Zentralstelle

  2. wenige grosse Gruppen

  3. viele kleine Gruppen/Unternehmen

  4. Alle Mitglieder

  5. Alle

4.4 Zirkulationsprinzip

Nach welchem Prinzip zirkuliert die Währung? Die Dimension „Geldhaltung“ kann in fünf Zustände eingeteilt werden, die hier mit um den Nullwert herum angeordnet werden.

Bewertung: +2 bis -2

+2 Geldhaltungsprämien gross/unbegrenzt

+1 Geldhaltungsprämien niedrig/begrenzt

0 Null, weder Geldhaltungskosten, noch –prämien

-1 Geldhaltungskosten niedrig/begrenzt

-2 Geldhaltungskosten gross

 

5. Anwendung auf eine Typologie

Um von diesem Bewertungssystem zu einer eigentlichen Typologie zu gelangen, wird hier vorgeschlagen jeweils zwei „Dimensionen“ zusammenzunehmen und je in Form eines Diagramms darzustellen. Durch eine Einteilung in Quadranten kann anschließend ein „Typ“ zugeordnet werden.

 

5.1 Währungsgrundkonzeption

Wir fassen die ersten beiden Werte zusammen in die Währungsgrundkonzeption:

  • Währungszweck

  • Vertrauensbasis

Die Zuordnung der Quadranten wird dabei aus logischen Gründen nicht durch den mittleren Wert 3, sondern beim Wert 2.5 angesetzt.

 

Vertrauensbasis                              5

 

Quadrant II

 

Leistungsbetont

 

 

Quadrant IV

 

Gemeinschaftsbetont

 

Quadrant I

 

Machtbetont

 

 

Quadrant III

 

Sicherheitsbetont

0                                                                              5

Währungszweck

 

Zu den verwendeten Begriffen:

 

Machtbetont:

Geld wird als Machtmittel gesehen, zentrale Interessen können leicht durchgesetzt werden, unbegrenzte persönliche Bereicherung als Ziel ist zulässig

Leistungsbetont:

Geld wird als Tauschmittel von Leistungen gesehen. Persönliche Beziehungen als Leistungstausch

Sicherheitsbetont:

Geld wird als Wertmittel gesehen, das abgesichert werden soll. Dazu dient z.B. auch eine Förderung der Kultur als Verankerungselement

Gemeinschaftsbetont:

Geld wird als wichtiger Gemeinschaftsbildner gesehen, Ausgleich und Begrenzung von Geldbesitz werden angestrebt

 

5.2 Technische Ausgestaltung

 

Wir fassen die zweiten beiden Werte zusammen in die technische Ausgestaltung:

  • Geldschöpfung

  • Zirkulationsprinzip

Die Zuordnung der Quadranten wird dabei hier auch nicht durch die mittleren Werte 0 und 3, sondern beim Wert 0.5 und 2.5 angesetzt.

 

 

Geldschöpfung 5

 

Quadrant II

 

 

inversiv

 

 

Quadrant IV

 

 

expansiv

 

Quadrant I

 

 

neutralisierend

 

 

Quadrant III

 

 

separierend

0

-2                                                                           +2

Zirkulationsprinzip

 

Zu den verwendeten Begriffen:

 

Neutralisierend:

Gut steuerbare Systeme, die Ungleichheiten tendenziell ausgleichen

Inversiv:

Komplexere Systeme, gute Steuerung nötig, der Tendenz zu schrumpfen muss aktiv begegnet werden

Separierend:

Systeme, die wachsen und dabei auch Ungleichheiten hervorrufen und fördern, nur begrenzt steuerbar

Expansiv:

Systeme mit massivem Expansionsdrang, kaum mehr steuerbar,

 

5.3 Beispiele

Anhand einiger exemplarischer Fälle soll die Typologie nun verdeutlicht werden. Die Hintergründe der im Folgenden genannten Systeme, werden hier nicht im Einzelnen behandelt. Weitere Informationen können in den meisten Fällen im Internet eingesehen werden. Wie bei jeder Typologie treten auch hier Unschärfefragen auf – mehrere Zuteilungen wären möglich. Diese Fragen wurden hier jeweils mit „eher so“ oder „zur Hauptsache/im Schwerpunkt so“ beantwortet. Zu beachten ist noch, dass eine Fremdbeurteilung durch den Autor vorliegt (Ausnahme: Flecü). Verantwortliche des jeweiligen Systems würden aufgrund ihres vertieften Einblicks möglicherweise eine andere Zuteilung vornehmen. Dieser Abgleich Fremdwahrnehmung-Selbstwahrnehmung wird in Zukunft noch zu erarbeiten sein.

 

5.3.1 Coin

 

Organisation

Coinstatt-Kooperationsring, Herdecke, Deutschland

(ist dabei sich in eine Genossenschaft umzuwandeln)

Akzeptanzstellen > 100, keine formale Mitgliedschaft nötig

www.coinstatt.org

Zweck

Aufbau eines regionalen Verrechnungssystems, Netzwerkbildung „Coingemeinschaften“

Vertrauen

Akzeptanzwert als eigentlicher Vertrauenspunkt, Person oder auch Waren und Dienste je nach Empfängerprädisposition.

Schöpfung

Grundausstattung aller Teilnehmenden (Privatpersonen C 50.-, Unternehmen C 200.-)

Zirkulation

Ablauf der Barscheine nach 6 Monaten mit Möglichkeit zu 1:1 Umtausch, Gebühr auf Konti beim Überschreiten eines Maximalbetrages, Weiterleitung an gemeinnützige Organisationen.

5.3.2 Chiemgauer

 

Organisation

Chiemgauer e.V., Rosenheim, Deutschland

Grösstes Regiogeldsystem und Vorbild der meisten anderen

www.chiemgauer.eu

Zweck

Aufbau von regionalen Wirtschaftskreisläufen, Förderung des Gemeinwohls

Vertrauen

Eurogedecktes Gutscheinsystem, Euro 100% hinterlegt

Schöpfung

Kauf von Chiemgauer-Gutscheinen mit Euro. Seit kurzem auch eine Kreditschöpfungsmöglichkeit

Zirkulation

Vierteljährliche Gebühr 2%. Bei Rücktausch in Euro ebenfalls Gebühr. Weiterleitung an gemeinnützige Organisationen.

5.3.3 LechThaler

 

Organisation

Oeconomia Augustana, Verein für regional nachhaltige Entwicklung e.V., Augsburg, Deutschland

www.der-lechtaler.de

Zweck

Der LechTaler stärkt regionales, nachhaltiges Wirtschaften in einem Netzwerk regionaler Produzenten, Dienstleister und Konsumenten

Vertrauen

Leistungsverträge mit Unternehmen, Annahmepflicht in frei wählbarer Höhe

Schöpfung

Mit den angeschlossenen Unternehmen jeweils individuelles Schöpfungsrecht

Zirkulation

Ablaufdatum, nach Ablauf mit Abschlag von 5% umtauschbar.

5.3.4 WIR

 

Organisation

WIR Bank, Basel, Schweiz

eidgenössische Bankenlizenz, existiert seit 1934

ca. 60.000 Mitgliedsunternehmen

www.wir.ch

Zweck

Solidarität des gewerblichen Mittelstandes durch Bindung seiner Kaufkraft

Vertrauen

Bonitätsprüfung der Mitglieder beim Eintritt, nur Gewerbe/Unternehmen mit entsprechender Leistungsfähigkeit

Schöpfung

Kreditschöpfung gegen bankübliche Sicherheiten oder auch mit unternehmensbezogenen Krediten durch die Bank

Zirkulation

An sich zinslos, Kreditzinsen faktisch kostendeckend ohne Geldmengenausweitung

5.3.5 Luzerner Tauschnetz

 

Organisation

Trägerverein Luzerner Tauschnetz, Luzern, Schweiz

Gut aufgebaute, typische Zeit-Tauschorganisation, > 200 Mitglieder

www.tauschnetz.ch

Zweck

Stärkung der Solidarität und Idee der Sozialzeit und sozialen Kontakte. Anbieten einer Platform zum Tauschen mit der Einheit Zeit.

(Tausch von Dienst- und Arbeitsleistungen)

Vertrauen

Personalkredit, jedes Mitglied hat eine „Kreditlimite“ (+/- 50 Stunden)

Schöpfung

Durch effektive Tausch- und Ausgleichsvorgänge (zumeist persönliche Dienstleistungen)

Zirkulation

Null“ – ohne direkte Belastung/Begünstigung

Jährlicher Mitgliederbeitrag in CHF plus 3 Tauschstunden zugunsten der Gemeinschaft

5.3.6 Flecü

 

Organisation

FleXibles, Verein zur Förderung neuer Arbeitsformen, Zürich, Schweiz

ca. 100 Nutzer/Mitglieder

www.flexibles.ch

Zweck

Förderung des wirtschaftlichen Austausches unter Mitgliedern und darüber hinaus, Erzeugung von Ressourcen für nachhaltige Wirtschaftsentwicklung

Nicht mehr in Betrieb: Pilotprojekt nach zwei Jahren beendet

Vertrauen

Akzeptanzwert als eigentlicher Vertrauenspunkt, Person oder auch Waren und Dienste je nach Empfängerprädisposition.

Schöpfung

Grundausstattung aller Mitglieder, dazu Ausgabe als Entgelt für Leistungen für die Gemeinschaft/den Verein

Zirkulation

Zinslos, Zirkulationskontrolle durch Zweckbezeichnung und persönliche Unterschrift bei Übergab

5.3.7 Bancor

 

Organisation

Ein Plan von John Maynard Keynes für eine Internationale Clearing-Union (1944 in Bretton-Woods vorgestellt und durch die anwesenden Politiker leider abgelehnt)

Mitglieder wären alle Staaten (resp. deren Zentralbanken)

Infos auf deutsch unter www.postwachstumsoekonomie.org erhältlich

Zweck

Weltweiter Ausgleich von Guthabenüberschüssen zugunsten internationaler Planung, Hilfeleistung und wirtschaftliche Gesundung.

Ideenstadium/Denkanstoss, bis heute nicht existent

Vertrauen

Vertrauen basiert auf dem Wert der einzelnen Mitgliedswährungen.

Schöpfung

Durch Verrechnung und Umrechnung der Landeswährungen im Rahmen eines pro Staat festgelegten Maximalkredites

Zirkulation

Eine Gebühr von 1% auf Guthaben bis zu einer bestimmten Quote pro Land, darüber hinaus 2

 

 

5.3.8 Zum Vergleich: Euro

 

Organisation

Verbund der beteiligten Zentralbanken zu einer europäischen Zentralbank

Zweck

Übernationale Währung, die jedoch noch immer die gleiche Konzeption hat, wie eine nationale Währung (stammend aus dem Nationalismus des 19ten Jhd.) und die zurückgeführt werden kann auf die persönlichen Ansprüche von Fürsten und einzelnen Bankiers.

Vertrauen

Faktisch in die Macht des Staates/ des Territoriums und damit in Grund und Boden.

Schöpfung

Undurchschaubares System mit hauptsächlicher Schöpfung durch private Geschäftsbanken.

Zirkulation

Positiver Leitzins, jedoch nur für die Schöpfung bei der Zentralbank. Sonst durch Effekte der Spekulation bestimmter, nach oben offener Zinssatz bei Geschäftsbanken.

5.3.9 Bewertung

In der folgenden Tabelle sind die Beispiele nun bewertet.

 

 

Währung

Bezeichnung

 

 

 

 

Zweck

Vertrauen

Schöpfung

Zirkulation

Coin

3

4,5

3

-1

Chiemgauer

3

1

1

-2

LechTaler

3

4

3

-2

WIR

2

3,5

3 (1)

0

Luzerner T.netz

2

5

4

0

Flecü

2,5

4,5

1

0

Bancor

4,5

1

2

-1

Euro

1

2

2

2

5.4 Ergebnisse

Währung Grundkonzeption technische Ausgestaltung

 

Coin

gemeinschaftsbetont

inversiv

Chiemgauer

sicherheitsbetont

neutralisierend

LechTaler

gemeinschaftsbetont

inversiv

WIR

leistungsbetont

inversiv

Luzerner T.netz

leistungsbetont

inversiv

Flecü

gemeinschaftsbetont

neutralisierend

Bancor

leistungsbetont

neutralisierend

Euro

machtbetont

separierend

 

 

6. Erkenntnisse und weiterführende Fragen

Nach durchlaufen dieses Klassifizierungsprozesses stellt sich nun nochmals die Frage, ob damit etwas gewonnen wurde. Kann damit eine neue Sichtweise eröffnet werden? Nach meiner Ansicht ist das möglich, denn die der hier vorgestellte Typologie beruht auf einem konsistenteren Fundament, als herkömmliche Einteilungen. Der Schritt weg von der klassischen Volkswirtschaft, die Geld und Währungen nie wirklich erfasst hat, ist hier vollzogen. Sicher ist es ein Beitrag zur laufenden Diskussion einer generell neuen Betrachtung von Währungen und Geld auch innerhalb der Wirtschaftswissenschaften.

Wie hilfreich und anwendbar diese Vorschläge nun für Personen, die Komplementärwährungen gründen, managen oder nutzen möchten für die Arbeit in der Praxis sind, muss sich im weiteren noch erweisen. Die Begrifflichkeiten und die Abgrenzungen werden anhand weiterer Beispiele überprüft und justiert werden müssen.

 


Entnommen aus:

Peter Krause (Hrsg.)

Anders: Komplementärwährungen“

ISBN 978-3-86931-836-3

Bestellmöglichkeit

 

 

 

 

1 Regio-Konferenz Augsburg vom 15.-16.01.2010, Diverse Referate

2 Spanknebel, W., Regionalwährungen in Deutschland, S. 15 ff.

3 Bickelmann, A., Kleingeld-Monetäre Regionalisierung durch Regiogeld als Werkzeug im Regionalmanagement, S. 36 ff.

4 Kennedy, M.; Lietaer, B. A.; Regionalwährungen, S. 237 ff.

5 Greco, T.H., The End of Money and the Future of Civilization, S. 144 ff.

6 Riegel, E.C., Flight from Inflation, S.16, 24, 95

7 Riegel, E.C., Flight from Inflation, S.16

8 Greco, T. H. The End of Money and the Future of Civilisation, p. 146-149

9 Riegel, E. C., Flight from Inflation p. 95

10 Greco, T. H., The End of Money and the Future of Civilization, p. 150

11 z.B. Keynes, J. M. Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, S. 201 ff.

12 Keynes, J. M..; Vorschläge für eine Internationale Clearing Union, in: Leber, S., Wesen und Funktion des Geldes, S. 323 ff

13 Lietaer, B. A.; Das Geld der Zukunft, S. 376 ff.

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