×

Warnung

JUser: :_load: Fehler beim Laden des Benutzers mit der ID: 133

Dienstag, 21 Dezember 2010 19:54

Lernen für Bürgergeld und Regionalentwicklung

geschrieben von 

Dank dem Einsatz von mutigen Querdenkern mit ihren Frühwarnungen und begeisterten Aktivisten ist viel erreicht auf dem Weg zu nachhaltigeren Gestaltungen. Doch wie sieht es aus mit dem Lernen, dass der Eifer für nachhaltiges Gestalten selbst nachhaltig wirken kann?

Viele Organisationen haben inzwischen erkannt, dass Lernen der entscheidende Faktor ist, um gut voranzukommen. Das geht sogar so weit, dass an der Spitze von erfolgreichen Wirtschaftsunternehmungen „Chief Learning Officers“ (CLO) auftauchen, die neben den „Chief Executive Officers“, d.h. den Vorstandsvorsitzenden, von der Spitze her sorgen, dass Lernen im Unternehmen ausreichend und immer besser stattfindet. Wie sieht das in einer basisdemokratischen Bewegung wie der Regiogeld-Bewegung aus? Wie wird hier das Lernen versorgt? Wer übernimmt hier Verantwortung? Worauf kommt es da an? Wer mit Erneuerung beschäftigt ist, muss ganz besonders auf der Hut sein, mit nicht mehr zeitgemäßen Routinen und Denkmustern Neues bewirken zu wollen.

Beispielgebende Menschen haben sich inzwischen den Herausforderungen des Klimawandels, der Instabilitäten im Währungs-und Wirtschaftssystem und den gesellschaftlichen Umbrüchen gestellt, wegweisende Lösungen sind im Gange. Insgesamt beunruhigt aber eine Zwischenbilanz:
Noch immer ist es eine kleine Schar von Menschen, die sich bewusst und kundig damit auseinandersetzen will und kann,
Viel zu oft enden ihre Anstrengungen in Erschöpfung und wiederholen sie in ihrem Engagement Fehler, die längst bekannt sein müssten,
greifen Maßnahmen zu kurz, da sie zu fragmentarisch verstanden und realisiert werden, ohne genügend Sicht auf die Wechselwirkungen in einem größeren Zusammenhang, ohne Sinn für die Einheit unserer Welt.

Das endet zwangsläufig auf Holzwegen. Aber wie können die Mitglieder von Initiativkreisen miteinander die neuen Einsichten erwerben, die ihnen in der heutigen Situation weiterhelfen?  Bei näherer Betrachtung stellt sich überhaupt heraus, dass Lernen viel weniger selbstverständlich ist, als allgemein angenommen wird. Dieser Beitrag geht ein auf die Notwendigkeit, dem Lernen in dieser Bewegung besondere Beachtung zu schenken, und weist auf Mittel und Wege hin, wie das Lernen in der Bewegung so gesteigert werden kann, dass nachhaltige Strukturen und Vorgänge entstehen, die Weiterentwicklung sicherstellen.


A. In welcher Entwicklungsphase befindet sich die Regiogeldbewegung?

1. Pionierphase

Auf der Grundlage von Ausführungen Silvio Gesells hat der sozialdemokratische Bürgermeister Michael Unterguggenberger (1) in der kleinen Industriegemeinde Wörgl in Tirol in der Zwischenkriegszeit einen entscheidenden Durchbruch zustande gebracht. Mit seinen Mitstreitern gelang es ihm, innerhalb kürzester Zeit, die Deflationserstarrung, unter der die Gemeinde litt – leere Gemeindekasse, schnell steigende Arbeitslosigkeit, hungernde Familien usw. mit Hilfe umlaufgesicherten Freigeldes als Komplementärwährung zu überwinden. Mehr als 190 andere österreichische Gemeinden wollten daraufhin dem guten Beispiel aus Wörgl folgen, hatten aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die österreichische Nationalbank schaffte es, die eigene Kontrolle über die Geldordnung voranzustellen und ein Verbot dieser Lösung zu erreichen. Mehr Glück hatte 1934 der Schweizer Wirtschaftsring unter der Anführung von Werner Zimmermann (2)  und Paul Enz, ein Verbund von Klein- und Mittelunternnehmen, die Mühe hatten, in der Wirtschaftskrise der Dreißigerjahre genügend liquide zu sein. Viele KMU horteten als Reflex auf die Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre ihr Geld und verstärkten dadurch die Geldknappheit. Der WIRtschaftsring überwand diese Haltung mit Hilfe des Komplementärwährungsansatzes. Dank günstigerer Bedingungen und konstruktiverer Maßnahmen der Aufsichtsinstanzen kam es zur Gründung WIR-Bank (1936), die auch heute noch ihren Hauptsitz in Basel hat und die Zentralbank des WIR ist, einer Schweizer Komplementärwährung, und erfolgreich für ein Netzwerk von mehr als 60.000 Gewerbetreibenden in der ganzen Schweiz arbeitet. Es ist wenig bekannt, dass das WIR-Geld als „Veteran“ der Regiogeldbewegung dadurch sogar internationale Anerkennung gefunden hat, dass ihm die British Standards Institution neben „CHF“ den international gültigen Code „CHW“ verliehen hat.

Unterbrochen durch Kriegszeit, Aufbauperiode und Entstehen neoliberaler Vorherrschaft kam es zu einer 2. Pionierphase der Regiogeldbewegung nach der Jahrtausendwende. Initiativen in Kanada und   Australien, der „Roland“ in Bremen, der Chiemgauer in Bayern, der Urstromtaler in Sachsen-Anhalt und viele mehr griffen den Impuls der Vorkriegszeit unter neuen Verhältnissen auf und begannen ihre Arbeit neben den in den 90er Jahren angetretenen Tauschringen und Tauschkreisen.

In den deutschsprachigen Ländern kann der Regio-Dachverband heute auf Dutzende von Regiogeld-Initiativen verweisen. Eine reiche Vielfalt von praktischen Lösungen ist entstanden, angefacht durch „zündende“ Schriften von z.B. Bernard Lietaer (3)  und Margrit Kennedy (4).  Das vom Internet frei downloadbare Buch von Tobias Plettenbacher (5) macht die bunte Vielfalt und den grandiosen Umfang der Bewegung wunderbar sichtbar. Einige der Initiativen haben ganz klar das Zeug, um sich weiterentwickeln zu können. In so einer Periode der Pionierarbeit gibt es immer viel Begeisterung, Energie und Kreativität, die viel Beachtenswertes erbringt. Doch wenn Pionierkraft sich erschöpft und Ergebnisse sich grundlegender Kritik stellen müssen, dringend benötigte Mitstreiter ausbleiben, werden Grenzen der Pionierphase sichtbar, Stagnation stellt sich ein, Erschöpfung bei manchen Aktiven der ersten Stunde. Und dies ist in der Regiogeldbewegung klar zu erkennen. Die improvisierende Arbeitsweise, wie sie charakteristisch ist für die Pionierphase, genügt nicht mehr.


2. Differenzierungsphase

Zur Konsolidierung und zum Schaffen von Voraussetzungen für eine Verbreitung in großem Umfang ist jetzt systematische Organisation angesagt, Aufgabenverteilung, Professionalisierung der Aufgabenerledigung, Klarheit der Führung, Marketingmaßnahmen um die Bevölkerung auf eine adäquate Weise für die Ziele und Möglichkeiten des Regiogeldes zu sensibilisieren und klare Schwerpunkte für die eigene Arbeit zu destillieren, ein tragender Mitarbeiterkreis, der mit den Aufgaben wächst. Dafür müssen die Beteiligten mehr Fachlichkeit mitbringen, müssen Engagierte in ihren Aufgabenkreis eingearbeitet werden, müssen in der Kooperation mit anderen Organisationen
(vor allem Tauschkreise und andere verwandte Initiativen wie für ein Grundeinkommen, weiter Vereine, Verbände, Banken, Kirchen und Kommunen) neue Einsichten erarbeitet werden. Hier werden die guten Beispiele schon spärlicher. Nach wie vor beeindruckt die Weiterentwicklung des Chiemgauers mit seinem Dienstleistungszentrum für elektronisches Regiogeld. Der Sterntaler (Berchtesgadner Land) hat sich in dieser Phase Verdienste erworben mit der Ausgestaltung der sozialen Genossenschaft als zeitgemäße Trägerorganisation, die Vorarlberger Bewegung mit ihren Talenten und Talentgutscheinen, der Zeitbank, der Gemeindeentwicklung, alles auf der Grundlage der bereits in den Achtzigerjahren in diesem kleinen österreichischen Bundesland eingeführten Sozialsprengel. Wörgl hat eine Jugendwährung (iMotion) organisiert, welche Bestandteil einer neugestalteten Jugendarbeit geworden ist. Coinstatt besticht mit seinem professionellen Marketing.

Dies - und noch viel mehr (!) - ist auf dem Weg. Und wie sieht es bei diesen Initiativen, die am Ausbauen und Konsolidieren sind, mit der Organisation des Lernens aus, das die Weiterentwicklung lebendig erhält und zukunftsoffen? In dieser Phase reichen die Start-Ideen und die Begeisterung aus der Neuartigkeit nicht mehr aus, aktuelle Sachkenntnis bezahlte Arbeitsstellen sind notwendig. Wer dauerhaft Aufgaben auf sich nimmt, schafft dies nicht ohne die dazu nötige Professionalität.


3. Integrationsphase

Je mehr sich Initiativen durch systematische Arbeitsverteilung, Unterscheidung von Führungsebenen und Einsatz von Fachkompetenzen auseinanderfalten, desto mehr entsteht die Frage: Was hält uns zusammen? Was ist das Wesentliche, auf das wir uns gemeinsam richten? Solche Fragen lassen sich am besten von den Zielgruppen der Initiativen her beantworten,

a) den  Bürgern, die bereit sind Verantwortung zu übernehmen für notwendige Neugestaltungen des Geldsystems, in dem sie Bürgergeld miteinander schaffen und zunehmend verwenden,

b) den Institutionen , mit denen dabei Zusammengearbeitet angesagt ist, zum Beispiel den
Kommunen.

Es ist von großem Vorteil, wenn in dieser Phase Mitstreiter in der Funktion des Mitglieds eines Service-Teams der Regiogeld-Initiative den Teilnehmern konkret und verlässlich Wege weisen und dazu anleiten können, was zur Anmeldung, zum Rücktausch, usw. zu tun ist. Eine hervorragende Gelegenheit zum Training On-The-Job! Wie versorgt eine Initiative solche Trainings?

Ausgangspunkt für die Zusammenarbeit in den Initiativen muss das sein, was wertvoll ist für diese Bürger und für solche Kooperationspartner. Wertvoll ist es für eine Kommune z.B. wenn die Schließung des einzigen Dorfladens droht und sich Tauschkreisarbeit und Regiogeldsystem verbinden, um gemeinsam eine lokale Währung zustande zu bringen. Wenn Fördergelder der Gemeinde in dieser Lokalwährung ausbezahlt werden, entsteht gebundene Kaufkraft im Dorf, die eine Investition in einen neuen Dorfladen erlaubt und der Gemeinschaftsbildung zugutekommt. Wertvoll ist es für Bürger, die erleben, dass mit Hilfe von selbst geschaffenem Bürgergeld  Notsituationen von Familien bei Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit aufgefangen werden können. Das „Lernen mit Kunden“  hat sich u.a. in der Form von Kundenkonferenzen im betrieblichen Alltag bewährt und lässt sich ohne viele Anpassungen auch fürs bürgerschaftliche Engagement verwenden. Projektmäßiges Arbeiten , wie in Pilotprojekten, bietet hervorragende Grundlagen für die Kooperation von Vertretern verschiedener Fachkompetenzen und gesellschaftlicher Bereiche, so können sie sehr konkret voneinander lernen und zu neuen Erkenntnissen kommen, da Projektarbeit von der Sache her der Neuerung dient. Aber auch projektmäßiges Arbeiten ist eine Kunst, die gelernt sein will, dann aber erweist sie sich als sehr wirksam.


4. Assoziationsphase

Die Unterscheidung von Entwicklungsphasen in Pionierphase, Differenzierungsphase, Integrationsphase und Assoziationsphase – ausführlich beschrieben in dem in der Literaturliste angegebenem Buch von Friedrich Glasl - sollte nicht zu schematisch  angewendet werden, denn dann ergibt sie kein realistisches Bild von der Situation; wohl aber, wenn sie so gesehen wird, dass die Phasen einander überlappen, dass in einem Teilbereich der Initiative bereits eine weitergehende Phase erreicht ist und in einem anderen Teilbereich erst eine frühere Phase, wenn die verschiedenen Qualitäten der Phasen vor allem gesehen werden, wie sie sich durch die Bewältigung von Krisen zwischen den Phasen ergeben. Da muss die Pionierphase schon in ein sehr kritisches Stadium geraten sein, damit allein aus diesem Grund die Bereitschaft entstehen kann, strukturierter zu arbeiten und etwas weniger der Improvisation zu frönen. So ein kritisches Stadium ergibt sich, wenn etwa der Pionier sich verabschiedet und kein Nachfolger dafür da ist, wenn der Pioniergruppe die Arbeit über den Kopf wächst und wenn sich Fehler in Kommunikation und Leistung inakzeptabel häufen.

Für eine Initiative in der Integrationsphase wird es kritisch, wenn sie auf Dauer zu sehr mit sich allein beschäftigt ist und der eigenen Positionierung im größeren Ganzen  zu wenig Beachtung schenkt. Heute zeigt sich diese kritische Situation bereits recht deutlich in der Bewegung dort, wo bisher noch wenig Verbindung gefunden worden ist mit anderen, womöglich breiter angelegten Bewegungen, wie zum Beispiel der Bewegung der Transition Towns, die in GB bereits an vielen Stellen Fuß gefasst hat und wofür sich jetzt auch in deutschsprachigen Ländern an vielen Orten immer mehr Menschen einsetzen; oder eine Verbindung mit der Ausbildung für Social Banking (6) , einer Initiative von dreizehn ethischen Banken aus zehn Ländern, um rechtzeitig genügend Nachwuchs zu finden im Hinblick auf ihren zunehmenden Kundenkreis. Da gibt es noch kaum Querverbindungen zur Regiogeldbewegung. In solchen Fällen wird vernetztes Lernen  aktuell; ein Lernen, das dadurch erfolgt, dass Referenten aus verschiedenen Bewegungen in einer Ausbildung für Regiogeldleute zu Wort kommen (und umgekehrt), dass Bildungshäuser Aufgaben untereinander verteilen und ihre Beiträge im Rahmen eines gemeinsam geschaffenen übergreifenden Konzepts erbringen.


B. Was sollte man bei der Organisation des Lernens für das Bürgergeld beachten?

Wenn die Regiogeld-Aktivisten davon ausgehen, dass dem Lernen eine Hebelfunktion beim Auf- und Ausbau ihrer Arbeit zukommt, d.h. das Lernen als entscheidender Erfolgsfaktor zu sehen ist, tun sie gut daran, sich zu überlegen, inwieweit ihr Lernen Grundsätzen folgt, die in Übereinstimmung sind mit dem, was sie mit ihrer Regiogeld-Initiative erreichen wollen. Im Folgenden werden einige Gesichtspunkte zur Gestaltung des Lernens beschrieben, die eine solche Übereinstimmung ermöglichen.

1. Integrales Lernen: Kopf, Herz und Hand

In diesem Sinn wird Lernen besonders wirksam dadurch, dass es ganzheitlich angelegt ist und daher nicht nur das Wissen betrifft, sondern auch die emotionale Verbundenheit mit dem Vorhaben und die Geübtheit im sachgerechten Handeln. Organisationsberater verwenden gelegentlich eine Faustformel zur Überprüfung ihrer Lernstrategie in der Unternehmensentwicklung, die da lautet:

(P x V x A) > W → V+

Sie bedeutet das Folgende: Wenn die Kombination von Problembewusstsein (Kopf), Vision (Herz) und Aktion (Hand) die Widerstandskräfte überwiegt, die sich dem Vorhaben in den Weg stellen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es zu seiner erfolgreichen Verwirklichung kommt.

Problembewusstsein entsteht aus dem Erfassen solider Information über die bestehende Mangelsituation – eine Angelegenheit sorgfältiger Recherche und gediegener Sachkenntnis. Das Erleben einer zündenden Vision, in der sich die Beteiligten erkennen, wärmt die Herzenskräfte, die notwendig sind, um den Mut für das Beginnen aufzubringen und die Unermüdlichkeit des „Dranbleibens“. In der Aktion wird deutlich, was der Akteur bereit zu geben ist und mit welchen Kräften in der Situation er tatsächlich zu tun hat. Eine zu lange Zeit ununterbrochenen Analysierens und Studierens lähmt dagegen auf Dauer („Analyse bringt Paralyse“), zu viel Idealismus und „Schöne-Welt-Phantasien“ beeinträchtigen die Verbindung mit Personen und aktuellen Problemen vor Ort, ungebändigter Aktionismus führt ins Abseits (Mark Twain: „Als wir das Ziel aus den Augen verloren hatten, verdoppelten wir unsere Anstrengungen“). Es braucht eben die drei Faktoren zusammen.


2. Umdenken lernen

Umdenken ist leicht gesagt, aber in Wirklichkeit eine besondere Herausforderung. „Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht, und wenn die Worte nicht stimmen, kommen die Werke nicht zustande“, wird von Konfuzius überliefert. Und John Maynard Keynes warnt: „Schwierig sind nicht die neuen Gedanken; schwierig ist nur, von den alten loszukommen“. Beide Aussagen sind bedenkenswert! Die richtigen Begriffe zu finden, die den Gestaltungsbemühungen für das Neue zugrundegelegt werden können, erfordert die Bereitschaft, bisher gehegte Auffassungen kritisch zu überprüfen und notfalls sich davon zu distanzieren. Desweiteren braucht es sorgfältige Wahrnehmungen, um feststellen zu können, worauf es „jetzt und hier“ wesentlich ankommt. Und wenn stimmig Begriffe gefunden worden sind, bedeutet das noch nicht, dass wir sie ohne weiteres auch umsetzen können. Da stehen uns unbewusste Auffassungen im Weg, die wir uns in Situationen zu eigen gemacht haben, wo wir ohne Bewusstsein Vorbilder und Lösungen übernommen haben; und da gilt: was ich nicht im Bewusstsein habe, kann ich auch nicht verändern - und ich bin dazu verurteilt, dass ich es – auch wider besseres Wissen! – wiederhole.

Wie hartnäckig sich bestimmte Denkmuster halten, auch wenn sie schon längst durchschaut und als Denkfehler identifiziert sind, kann illustriert werden mit dem Bühnenstück von Max Frisch, „Graf Öderland“ (8).  In diesem Drama bekennt der Mörder, ein Bank-Kassier, der unmotiviert einen Hausmeister mit einer Axt getötet hat das Folgende: „Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ich mehr verstanden hätte vom Geld….Einmal habe ich einen Kunden gefragt, als ich seinen Zins ausrechnete, wie man das mache, dass man ein solches Einkommen hat…er..sagte: weil das Geld für mich arbeitet. Eine bessere Erklärung habe ich nie bekommen“. Dieses Drama, in dem Max Frisch diesen Gedankengang ad absurdum führt, wurde in Zürich 1951  (sic!) uraufgeführt. Aber noch heute machen Banken mit dem Argument „Lassen Sie das Geld für Sie arbeiten!“ Reklame!

Die Unterscheidung zwischen so genanntem Einzelschlaufenlernen und Doppelschlaufenlernen macht deutlich, wann Umdenken jeweils angezeigt ist. Einzelschlaufenlernen  liegt vor, wenn wir mit den Ergebnissen einer Aktion nicht zufrieden sind und innerhalb eines bestehenden Rahmens Verbesserungsmöglichkeiten ausfindig machen. Wir merken zum Beispiel, dass die Sicherheitsmerkmale auf den Wertscheinen nicht ausreichen und probieren es mit anderen oder zusätzlichen. Doppelschleifenlernen  ist notwendig, wenn sich herausstellt, dass wir auf Dauer damit zu keinem befriedigenden Kosten-Nutzenverhältnis kommen. Wir können zum Beispiel überprüfen, ob es inzwischen Zeit geworden ist, um vom baren auf elektronisches Regiogeld überzugehen. Das wäre zu bejahen, wenn etwa der durch die baren Wertgutscheine ausgelöste Effekt der Bewusstseinsbildung für die Benutzer unerheblich geworden ist. Dann ändern wir einen unserer Grundsätze („anfassbare Wertgutscheine zur Verstärkung der Bewusstseinsbildung“) und damit einen Teil unseres „Regiogeld-Programms“.

Jedenfalls treten wir zu einem Teil aus einem bestehenden Rahmen heraus (zur Verwendung des Begriffs „Programm“ siehe die untenstehende Abbildung). Diese Unterscheidung ist eine der Begriffsbildungen, womit Chris Argyris (9), der Begründer der Action Science, der Wissenschaft vom effektiven Handeln, eine Sprache entwickelt hat zur Gestaltung von Lernprozessen insbesondere in Arbeitszusammenhängen. Neben diesem Begriffspaar entwickelte er auch den Begriff „Deutero-Lernen“,  womit das Lernen des Lernens gemeint ist. Der hier vorliegende Artikel ist dem Lernen des Lernens von Akteuren in Komplementärwährungsinitiativen gewidmet.

Glücklicherweise gibt es eine Reihe von Methoden, die recht konkret helfen, neue Begriffe zu erarbeiten und nicht mehr zeitgemäße  Auffassungen ins Bewusstsein zu holen und in ihrer Fragwürdigkeit zu erkennen (10).  Glaubensartikel, wie die „Weisheit des Marktes, die zu Gemeinwohl förderlichen Zuteilungen der Mittel führt“ und „Zinseszins, der auch heute noch der geeignete Treiber für Wirtschaftsentwicklung ist“ sind Beispiele für Auffassungen, die berichtigt werden sollten, die aber in uns allen, in unseren persönlichen „Programmen“ mehr oder weniger tief verankert sind. Auch wenn ich mich als Erneuerer engagiere, trifft es voll auf mich zu, dass alte, irrige Auffassungen in mir angelegt sind und der kritischen Überprüfung bedürfen. Bedenklich ist last but not least, wie wenig Bereitschaft in der heutigen Situation öffentlich sichtbar wird, über die Denkmuster hinter der bestehenden Wirtschaftsordnung und -lenkung grundlegend nachzudenken. Auffallend, wie still es dazu bei den meisten Wirtschaftswissenschaftern ist, aber ebenso auch bei vielen Beratern und Business School Lehrern, die ja alle maßgeblich die „gierigen Banker und Manager“ und die „opportunistischen Politiker“ mit ihren Konzepten und Ratschlägen bedienen. Schuldzuweisungen sind allerdings nur begrenzt sinnvoll, denn das Nachdenken bleibt eine Aufgabe für uns alle, ob beim Einkaufen, als Anleger oder in welcher Rolle auch immer.

Die Herausforderung des Umdenkens  liegt vor allem darin, dass es dabei um eine Konfrontation mit dem geht, was uns innerlich steuert, nämlich mit unserem „Programm“. Wer daran rührt, der rührt an unserem inneren Halt. Wer es nicht übt, sich gelegentlich selbstkritisch zu hinterfragen, fühlt sich da schnell bedrängt und geht voll in die Defensive, was zur aller wirksamsten Lernblockade führt; denn in der Bedrängnis will man sich seinen Halt sichern und je stärker diese Bedrängnis erlebt wird, desto geringer ist die Zurückhaltung in der Wahl der Mittel, um in der „Komfortzone“ bleiben zu können. Da verwundert es kaum, wenn Mahatma Gandhi sagt: „Die große Herausforderung der Moderne liegt nicht in der Umgestaltung der Welt, sondern in der Umgestaltung unseres Ich.“ Was hilft, ist das Erlebnis - zum Beispiel im Dialog -, dass es bereichernd wirkt, wenn ich es schaffe, eine meiner fragwürdig gewordenen Auffassungen wenigstens für eine kurze Zeit los zu lassen, zu suspendieren, neben die ebenfalls losgelassenen Auffassungen anderer zu legen und aus der Betrachtung im Abstand miteinander zu dahinter liegenden Gedankengängen zu gelangen. Da ergibt sich Neues und das begeistert! Mit dem gründlichen Erlernen des Dialogs (11)  tun wir uns alle einen guten Dienst! Da wird Diversität,  wie sie sich aus der Verschiedenartigkeit von Meinungen, Disziplinen, Weltanschauungen, Charakteren und Situationen ergibt, fruchtbar!

Eine Herausforderung für diejenigen, die in dem heutigen Denken über Geld groß geworden sind, ist sicher das Buch von Raimund Dietz, einem österreichischen Wirtschaftsforscher und Geld-Coach, mit dem Titel „Geld macht Wirtschaft“ (12) , in dem große Lücken der Geldtheorie dargelegt werden und eine neue Fundierung für das Denken über nachhaltige Geldsysteme geboten wird. Eine spannende Übung im Umdenken über Geld!

Bernhard Senf hat ein Buch (13) veröffentlicht mit dem Titel „Die blinden Flecken der Ökonomie“ und lenkt dadurch die Aufmerksamkeit auf das Phänomen der Ergänzungsbedürftigkeit und der kritischen Aufdeckung der Schwächen von wegweisenden Lehren. Das ist eine Betrachtungsweise, die hilft, dankbar zu sein für Kritik und selbstkritisch nicht nur die Möglichkeiten, sondern auch die Grenzen der eigenen Erkenntnisse zu sehen.

In der Regiogeldbewegung ist viel erreicht worden durch Inspirationen, die aus dem Werk von Silvio Gesell und seiner Freiwirtschaftslehre  sprechen. Viel mehr als bisher könnte auch aus den Hinweisen Rudolf Steiners gewonnen werden, die im anthroposophischen Sozialimpuls  ihren Ausdruck finden. Viel mehr ist sicherlich auch in der Weiterführung des Dialogs zwischen beiden – und verwandten – Strömungen  zu finden. Rudolf Steiners Hinweise für die Sozialgestaltung haben in der Arbeit der ethischen Banken wie in der GLS Bank, der Triodos-Bank und der Freien Gemeinschaftsbank bereits in auffallender Weise ihren Nutzen bewiesen. In der Arbeit mit Komplementärwährungen könnten sie noch viel mehr als Anregung und zur Überprüfung herangezogen werden. Dazu sind u.a. seine Hinweise zu

- der Unterscheidung von den drei Lebensbereichen (Geistesleben, Wirtschaftsleben und Rechtsleben), womit deutlich gemacht werden kann, dass Geld ein Phänomen des Rechtslebens ist und daher anders zu betrachten und zu gestalten ist als die Elemente des Wirtschaftslebens,

- der Steuerung des Wirtschaftslebens mit Hilfe von assoziativen Zusammenschlüssen für die kontinuierliche Beratung und Entwicklung durch die unmittelbar Beteiligten, in Selbstverwaltung, außerhalb der staatlichen Sphäre (eine Alternative zu „sozialer Marktwirtschaft“, die leider viel zu wenig Beachtung findet und gerade heute entscheidend weiterhelfen könnte!),

-die Metamorphosen des Geldes im Geldfluss, von der Schöpfung des Geldes bis zur seiner Auflösung, vom Kaufgeld über das Leihgeld zum Schenkgeld,

-die volkswirtschaftliche Funktion des Schenkgeldes (nicht Spenden!) als Ausweg aus den extremen Anhäufungen von Geldvermögen institutioneller und privater Anleger; dem Schenkgeld, das in einer vom Staat unabhängigen Selbstverwaltung des Geisteslebens für die Entfaltung von Fähigkeiten und Ideen und Einsichten sorgt sowie

-die Differenzierung des Bankwesens.


3. Pyramide der Lerneffektivität beachten

Die große Bandbreite von Arten von Lernaktivitäten lässt sich u.a. in der Form einer Pyramide darstellen, wenn als Ordnungskriterium die Nachhaltigkeit des Behaltens des Gelernten zugrunde gelegt wird. An der Spitze dieser Pyramide ist die Art von Lernaktivität zu sehen, indem der Grad des Behaltens am geringsten ausgeprägt ist und am Fuß der Pyramide, wo er am stärksten ist.

Neben diese Pyramide der Lernaktivitäten lässt sich aber auch eine umgekehrte Pyramide denken, wo die Häufigkeit der Anwendung als Ordnungskriterium verwendet wird, und zwar so, dass im breiten Oberfeld die am häufigsten verwendeten Lernaktivitäten dargestellt werden und an der schmalen Basis der umgekehrten Pyramide die am wenigsten verwendeten. Frappant, dass sich bei dieser Darstellung dann herausstellt, dass die am wenigsten wirksame Art des Lernens (Vorträge, Dozieren) besonders häufig zur Wissensvermittlung verwendet wird. Hier lohnt es sich, zu untersuchen, welche Auffassungen dieser Praxis zugrunde liegen, so wie es unter „Umdenken“ von mir bereits dargestellt worden ist. Unter welchen Umständen sind diese Auffassungen zutreffend und unter welchen nicht?


4. Einbettung des Lernens in die Entscheidungsprozesse

Im Nachdenken über das Lernen begegnen wir dem Phänomen, dass das in der Schule vor allem praktizierte Lernen unsere Vorstellungen so stark prägt, dass wir dem selbst initiierten und selbst organisierten Lernen, insbesondere in Zusammenarbeit mit anderen, relativ wenig Aufmerksamkeit schenken. Schade, denn dieses ist viel elementarer und hilft uns besser mit Neuem, Unbekanntem und Unvorhergesehenem umzugehen. Es lohnt die Mühe also, gerade diese Art des Lernens, das selbst gelenkte Erfahrungslernen oder  Entdeckungslernen, im Gegensatz zum Instruktionslernen, das vorprogrammiert ist und von „oben“ gesteuert wird, viel mehr zu fördern und zu üben.

I. Soziokratisch entscheiden

Dabei hilft es, sich strukturierender Maßnahmen zu bedienen, die das Erfahrungslernen auf die konkreten Anforderungen der Situation konzentrieren. Wenn die Beteiligten eine gemeinsame Methode der Situationsanalyse verwenden und sich über ihre Rollen und Verantwortung im Klaren sind, gelingt es ihnen sicherlich besser ihre Wahrnehmungen zu ordnen und dem gemeinsamen Lernen zugänglich zu machen. Dazu verhilft ihnen u.a. die Methode der soziokratischen Entscheidungsfindung. Damit kann zu gleicher Zeit Basisdemokratie verwirklicht und das Lernen direkt mit den Anforderungen der Situation verbunden werden. Es ist also kein Lernen auf Vorrat oder „ weil es so interessant ist“, sondern weil es notwendig zur Problemlösung ist. Politisch gesehen verhilft das soziokratische Modell zu einer Partizipation der Beteiligten, welche bedeutsame Nachteile der repräsentativen Demokratie vermeidet, insbesondere den Nachteil der „Diktatur der Mehrheit“. Der Lernprozess wird verstärkt, weil a) das Lernen sich auf das bezieht, wofür die Beteiligten tatsächlich Verantwortung übernehmen – eine wesentliche Voraussetzung für eine nachhaltige Lernmotivation, und weil b) für das Lernen die Diversität von Allgemeinheit (Region, Genossenschaft, u.a.) und Gruppeninteresse (Regiogeld-Initiative, Serviceteam, usw.) transparent und besprechbar gemacht wird.

Das soziokratische Modell (14) wurde in den 60er Jahren in den Niederlanden bei der Firma Endenburg Elektrotechnik (gegründet von Sozialreformern!) in Rotterdam als Alternative zum Betriebsrätemodell entwickelt und wird heute in einer Reihe von Ländern angewendet. Auf der deutschsprachigen Website (15) werden die Grundsätze des soziokratischen Modells wie folgt formuliert:



„1. Das Konsentprinzip*
Grundlage für alle Grundsatz- und Rahmenentscheidungen ist das Konsentprinzip, d.h., eine Entscheidung gilt nur dann, wenn kein Teilnehmer mehr einen schwerwiegenden und argumentativen Einwand gegen die Beschlussvorlage hat.

2. Die Organisation in Kreisen
Der linearen Struktur wird eine Kreisstruktur hinzugefügt. Ein Kreis ist eine Gruppe von Menschen, die innerhalb einer Organisation ein gemeinsames Arbeitsgebiet haben und an einem gemeinsamen Ziel arbeiten. Auf dieser Kreisebene werden alle Grundsatz- und Rahmenentscheidungen getroffen, ausgeführt und gemessen.

3. Doppelte Koppelung der Kreise
Die Kreise sind nach oben und unten miteinander über zwei Personen gekoppelt. Der funktionelle Leiter wird im nächsthöheren Kreis gewählt, ein Delegierter im unteren Kreis. Das bedeutet, dass wenigstens zwei Personen eines Kreises an der Beschlussfassung im nächst höheren Kreis beteiligt sind.

4. Die soziokratische Wahl von Personen
Funktionsträger und Delegierte werden nach offener Aussprache und mit Konsent* gewählt.

* Konsent heißt nicht Konsens.
Konsent heißt nicht „Ja, ich stimme zu!“, sondern „Ich habe kein `Nein`, ich habe keinen schwerwiegenden Einwand dagegen“. Ein solcher Beschluss wird in dem Kreis gemeinsam und kreativ auf der Basis von Argumenten gefunden und liegt dann innerhalb des Toleranzbereiches jedes Mitwirkenden im Hinblick auf ein gemeinsames Ziel.“


Das Modell beinhaltet auch ein Konzept des integralen Lernens  und sieht ausdrücklich ein lernendes Vorgehen in der Praxis für die Praxis  vor. Hier werden also das Leisten und das Lernen in übereinstimmender Form, selbstinitiiert und basisdemokratisch ermöglicht.

II. Projektmäßig arbeiten, zugleich problemlösend und untersuchend – das Action Learning

Eine sehr hilfreiche Struktur für das selbst organisierte Lernen im Kreis von „Peers“, d.h. ebenbürtigen Entwicklungspartnern, ohne Rangunterschiede oder asymmetrischen Rollenverhältnissen wie Lehrer und Schüler, auf der Basis der Gleichberechtigung, sieht auch das Action Learning (16) vor. Es profitiert von der Struktur des projektmäßigen Arbeitens, die häufig damit verbunden ist. Entwickelt vom britischen Kernphysiker Reginald Revans, der aus grundsätzlicher Kritik an der Entwicklung der Kernenergie und des übertriebenen Vertrauens in Experten zum Förderer praxisorientierten Lernens direkt Beteiligter wurde (17). Revans wollte mit dem von ihm propagierten Action Learning nicht nur das Lernen von Führungskräften lebendiger gestalten, sondern auch das Lernen im bürgerschaftlichen Engagement.

Im Wesentlichen geht es dabei darum, dass Akteure, die für die Lösung eines Problems Verantwortung übernommen haben, einander coachen. Sie sollen sich vor allem mit Hilfe von Fragen und Feedback - nicht mit Belehrung (!!!) - ermutigen, in nicht vertrautem Terrain zu operieren und kreativ zu Lösungen zu gelangen. Revans konnte deutlich machen, dass das Lernen gerade dadurch gewinnt, dass die direkt Beteiligten nicht vor dem Eingeständnis des Nichtwisssens und der innerlichen Blockade zurückschrecken und unverdrossenen durch Versuch und Irrtum zu wünschenswerten Ergebnissen kommen.

In diesem Zusammenhang spielt es eine große Rolle, dass die Akteure, sich vollauf für ihre Aufgabe einsetzen und im Lernen miteinander tiefere Schichten des Lernens erschließen: Kopf, Herz und Hand, aber auch die laufende Verbesserung der Qualität des Wahrnehmens und der Gedankengänge, der mutigen Untersuchung des eigenen Anteils an der Problematik usw.

Projekte können z.B. die Vorbereitung und Durchführung einer großen Informations- und Motivationsveranstaltung zur Vorstellung einer neuen Regiogeldinitiative sein, oder die Erstellung einer sozialen Genossenschaft nach dem neuen deutschen Genossenschaftsrecht als Trägerorganisation für die vielfältigen Arbeitsbereiche einer Regiogeldinitiative. Eine kleine Anzahl von Projektleitern, die diese und ähnliche Aufgaben übernommen haben, setzt sich periodisch in vertraulichen Reflexions- und kollegialen Coachingsgesprächen  zusammen und hilft einander in der Sache voranzukommen. Auch ihre Auftraggeber (zum Beispiel ein Vorstandsmitglied eines Fördervereins), und wichtige Nutzer der Projektergebnisse (Medienvertreter, Politiker, usw.) können Lernpartner im Action Learning Programm  werden. Die selbst bestimmte  und strikt eingehaltene Struktur so eines Action Learning Programms hält die Teilnehmer bei der Sache. Sie wissen: gerade dann, wenn Unsicherheiten überhandnehmen, Irritationen auftreten usw. sind die Lernchancen besonders groß. Allerdings braucht es Mut und Selbstüberwindung dazu, um „dran zu bleiben“. Die Struktur hilft ihnen auch, verbindlich und vertraulich mit Gesprächsinhalten umzugehen.

Action Learning Programme werden von den Beteiligten gemeinsam erstellt, eventuell mit Hilfe eines Lerncoaches  oder in Eigenregie  mit Hilfe einer der zahlreichen Methodenbeschreibungen. Auf der Online Community „Forum Unternehmerisches Lernen (F.U.L.)“  findet man dazu Gesprächspartner und Arbeitshilfen. (18)

Beim Action Learning geht es vor allem um ein generatives  (schöpferisches) Lernen,

·  wo direkt Beteiligte aus der Betrachtung der Situation, mit der sie zu tun haben,
·  in gemeinsamer Reflexion aufgrund von Wahrnehmungen von – innerlichen und äußerlichen - Phänomenen und von Chancen
·  im Dialog
·  neue Einsichten für situationelle Lösungen schaffen
 · im Rahmen der Komplexität umfassenderer Zusammenhänge.

Die Beteiligten lernen genau das, was sie für die Lösung des erfassten Problems brauchen, nicht mehr und nicht weniger. Die Qualität des Lernens ist schon deswegen hoch, weil das Lernen aus dem persönlichen Bedürfnis entsteht, der aktuellen Anforderung entsprechen zu können. Also kein Lernen auf Vorrat und weil andere es gut für den Lernenden finden. Das reproduktive Lernen sind wir seit den ersten Schultagen oder sogar aus der Früherziehung gewohnt, das bewusste generative Lernen hingegen müssen wir uns in der Praxis erüben, die formale Bildung vermittelt uns meistens zu wenig davon.

Insgesamt brauchen wir beides, reproduktives Lernen mit Wissensstoff, der durch erfolgreiche Problemlösungen in der Vergangenheit entstanden ist, wie auch generatives Lernen; ersteres um die in jedem Lebens- und Arbeitsbereich elementaren Grundlagen vermittelt und geübt zu bekommen und letzteres um Neues zu finden, dass an die Stelle von nicht mehr Zeitgemäßem oder nachweislich Falschem treten kann. Akteure aus Regiogeld-Initiativen könnten neue Einsichten erreichen im Dialog in kleinen, periodisch stattfindenden Lerngruppen (Action-Learning-Gruppen) und Lerngesprächen mit wichtigen Interessenträgern aus dem Arbeitsfeld und bewährtes Wissen von Experten, z.B. von Mitgliedern des Fachbeirates, den sie im Rahmen des Regiogeld- Dachverbandes (siehe www.regiogeld.de) mit dem Ersuchen um Fragenbeantwortung ansprechen.


5. Lernunterschiede per Lebensstufe

Aus welchem Situationserlebnis heraus lernen Jugendliche, Aktive und Senioren heute? Über die Jugend liefert die neueste Shell-Jugendstudie (19) aktuelle Aufschlüsse. Sie zeigt ein gemischtes Bild, Jugendliche aus der untersten und unteren mittleren Schicht sind pessimistisch eingestellt, die anderen Jugendlichen erwarten durchaus, mit ihrer Energie und ihren Fähigkeiten bedrohliche Krisen bewältigen zu können, soweit sie überhaupt in ihren Zukunftsvorstellungen Raum für ein Bewusstsein von der Gefahr einschneidender Krisen haben. Die Kluft zwischen Ober- und Unterschicht der Jugendlichen ist größer geworden. Dem überwiegenden Teil der Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren wird ausgeprägter Pragmatismus bescheinigt, Leistungsbereitschaft und Selbstbewusstsein, aber auch ein geringes Vertrauen in Banken, Großunternehmungen und Politik, sowie ein Sinn für vielfältige soziale Beziehungen und Verantwortungsbereitschaft. Spitzenreiter unter den Problembewältigungsmethoden , die Jugendliche verwenden ist ganz eindeutig. Sie sagen: „Ich vertraue mich Freunden an, um Probleme gemeinsam zu lösen“. Und zwar: 31 % immer, 48 % öfter, 18 % manchmal, 3 % nie. Da bleiben andere Varianten klar zurück; so steht an zweiter Stelle: „Ich mache etwas, das mir richtig Spaß macht, dann sieht die Welt wieder anders aus“. Diese Aussage verteilt sich bei den befragten Jugendlichen wie folgt: mit 10 % immer, 45 % öfter, 34 % manchmal und 11 % nie.

Die gemeinsame Problemlösung (20)  in vertraulicher Atmosphäre als empfehlenswerte Form des Lernens zur Bewältigung von gestellten Aufgaben oder aufgetretenen Schwierigkeiten, wie sie bereits beim Action Learning (siehe oben) beschrieben worden ist, wird in der Shell-Studie jedenfalls für Jugendliche also empirisch unterbaut. Die Ergebnisse der Shell-Jugend-Studie können als Anregung verstanden werden, der Beteiligung Jugendlicher an Regiogeld-Initiativen in Zukunft viel größere Aufmerksamkeit zu schenken. Ermutigend und beispielhaft ist diesbezüglich die Tatsache, dass zum Beispiel das aktive Engagement von WaldorfschülerInnen entscheidend zum Start des Chiemgauer Regiogeldes beigetragen hat: sie wollten einen Anstoß dazu geben, dass endlich mit Hilfe eines Regiogeldkonzeptes die Finanzierung der seit langem gewünschten Sporthalle in direkter Nähe der Schule erfolgreich in Angriff genommen wird.

Wo gibt es ähnlich übersichtliche und aktuelle (!) Studien zu den Aktiven , d.h. den 25- bis 55-Jährigen oder zu den Senioren  (ab 55 Jahren)? Damit könnten jedenfalls wertvolle Hinweise für Ansatzpunkte zum Lernen in diesen Altersstufen gewonnen werden. Letztlich wäre es erstrebenswert, dass alle Generationen in Zusammenarbeit ihren spezifischen Beitrag zur Gewährleistung der Lebensgrundlagen im Nahraum und auch mit Hilfe von Komplementärwährungen leisten und entwickeln können.


6. Auch Organisationslernen will gelernt sein

Ein Spannungsfeld besonderer Art liegt in der Zusammenarbeit zwischen etablierten Organisationen wie zum Beispiel Kommunen, Banken und Schulen mit Gruppen bürgerschaftlichen Engagements, zu denen ja auch die Initiativen für Komplementärwährungen gehören. Hier besteht die Chance, institutionelle Sicherheit und Legitimität mit der Unmittelbarkeit der Erfahrungen und Sorgen der Bürger im Alltagsleben zu verbinden. Die einen sind eher auf die Erhaltung und Gewährleistung des Bestehenden gerichtet, die andern auf Notwendigkeiten, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu transformieren. Kein Wunder, dass hier leicht Unverständnis und Missverständnisse auftreten. Aber mit wie viel Aufgeschlossenheit können Bürger-Akteure bei Behörden, politischen Instanzen, altehrwürdigen Institutionen rechnen, die von Kritikern doch oft als diejenigen angesehen werden müssen, die als unakzeptabel erkannte Verhältnisse aufrechterhalten wollen? Was erleben beamtete und fest angestellte Exponenten der Institutionen, wenn sie mit idealistisch orientierten Amateuren zu tun bekommen, die größtenteils ehrenamtlich agieren? In vielen Fällen werden Lösungen gefunden, aber könnte das noch besser gelingen?

Entscheidend sind jedenfalls kritisches Selbstbewusstsein und innerliche Beweglichkeit der Beteiligten auf beiden Seiten, verbunden mit der Fähigkeit, die Ziele und Möglichkeiten des Verhandlungspartners möglichst realistisch einschätzen zu können. Je mehr solche Persönlichkeiten über Foren  verfügen, wo sie einander begegnen können - informell und formell -, desto besser gelingt der Abgleich.

Organisationslernen (21)  setzt individuelles und gruppenweises Lernen voraus, ist dabei aber mehr als die Summe dieser Prozesse. Die individuellen Lernprozesse verdichten sich durch Reflexion und Dialog in Gruppen. Wenn dann auch noch die  Institutionalisierung dazukommt, sprechen wir vom Organisationslernen. Institutionalisieren beinhaltet das Aufnehmen in ein offiziell anerkanntes Knowhow der Organisation und der Verankerung in Prozeduren, Vorschriften, Gebrauchsanweisungen, Funktionsbeschreibungen, Führungsgrundsätze usw.

Akteure von Komplementärwährungsinitiativen stehen vor der Aufgabe, zu erkennen, was die Handlungsräume innerhalb der Regelgrenzen sind, wie sie von den Entscheidungsgremien des derzeitigen demokratischen Systems festgelegt sind.

Exponenten der Institutionen können sicher immer wieder überraschende noch wenig benützte Freiräume entdecken und erschließen, wenn sie sich der Mühe unterziehen, Werte und Ziele der bürgerschaftlichen Aktionen genauer anzusehen. Mit Hilfe der soziokratischen Entscheidungsfindung ließe sich von der Basis vor Ort bis hin zu überregionalen Instanzen eine durchgängige Meinungsbildung und Entschlussfassung gestalten, die Bürgerakteure und hochrangige Verantwortungsträger einbezieht, die heute oft durch eine riesige Kluft voneinander getrennt erscheinen (22).

Das Lernen bekommt hier also eine weitere Dimension: Das Wissen an der Basis und auch das  hoher Verantwortungsträger könnte viel von der Erkenntnissen der jeweils anderen Seite profitieren, denn für beide Seiten wären nützliche Relativierungen oder sogar die Berichtigung von Irrtümern möglich. Stuttgart 21 hätte auf diese Weise viel realistischer, transparenter und mit größerer sozialer Tragfläche entwickelt werden können.


C. Bausteine für eine geordnete Lerndynamik in der Regiogeldbewegung

Nach der Besprechung von Gesichtspunkten für die Gestaltung des Lernens geht es jetzt um die Frage, wie diese Gesichtspunkte in der Bewegung der Komplementärwährungen zur Anwendung kommen können - und wer sich dafür wie und wo einsetzen sollte. Dazu sind formelle Regelungen erforderlich, um aus dem Improvisieren der Pionierphase herauszukommen und zu dauerhaften „Organbildungen“ für die Differenzierungsphase zu kommen.


1. vor Ort:

Hier könnte ein  „Lernorganisator“ Aufgaben übernehmen, die Lernfähigkeit der Einzelpersonen vor allem aber der Gründer-Gruppe und später mehrerer Gruppen im Rahmen der Initiative zu fördern. Ein bekanntes Phänomen regt zu einer solchen Lösung an: Droht einer im Stadtkanal zu ertrinken, ist Hilfe für ihn mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten, wenn nur ein potentieller Retter am Ufer steht. Sobald mehrere am Ufer stehen, ist es schon zweifelhafter, da die Zuschauer sehr leicht dazu neigen auf den Einsatz eines anderen zu warten: „Michele, geh du voran!“. Da hilft es dem Bedrohten im Wasser, wenn er so schnell wie möglich einen Einzelnen anspricht: He du da vorne!

Die „Lernorganisator-Funktion“ wäre bei einem der Vorstandsmitglieder der Initiative gut aufgehoben, aber für ein reges und effektives Lernen sollte sich natürlich jeder der Beteiligten verantwortlich fühlen. Trotzdem braucht es ein Mitglied der Gruppe,
· das regelmäßig die  Frage nach dem Lernen und der Steigerung der Lernfähigkeit stellt,
· mit konkreten  Vorschlägen kommt, was daran getan werden sollte (und darüber auch Entscheidungen herbeiführt),

Dies gelingt umso besser, je mehr Gebrauch gemacht wird
·  von einer Checkliste (Woran sollten wir immer wieder denken, wenn es um unser Lernen geht?),
·  von einer „Werkzeugkiste“ mit einer größeren Zahl von Arbeitshilfen , d.h. Beschreibungen von methodischen Vorgehensweisen (23),
·  von einem auf Abruf verfügbaren Moderator  – oder selbst Lerncoach , wie es sie jetzt zunehmend gibt – sowie
·  von einer Übersicht über Angebote der einschlägigen Bildungshäuser.

2. Regionen übergreifend

Den Initiativen und InitiatorInnen vor Ort käme es zugute, wenn Bildungshäuser ihre Aktivitäten zur Unterstützung von Initiativen für Komplementärwährungen vernetzen würden, so dass sie einander eventuell durch eine bewusst herbeigeführte Aufgabenverteilung ergänzen. Der oben erwähnte  Lernorganisator würde es jedenfalls zu schätzen wissen, wenn er nicht mühsam viele einzelne Programme studieren muss, sondern aus einer Gesamtübersicht über Angebote in mehreren Bildungshäusern wählen kann, worauf es seiner Initiative zum fraglichen Zeitpunkt vor allem ankommt. Für entsprechende Bildungsangebote von einzelnen Bildungshäusern gibt es bereits Beispiele, die ohne Anspruch auf Vollständigkeit erwähnt werden sollen: Das Bildungshaus St. Arbogast in Vorarlberg, selbst in Komplementärwährungen aktiv, akzeptiert Komplementärgeld als Zahlungsmittel. Der deutsche Zweig der Gaia-Akademie (24) bietet Mitgliedern von Komplementärwährungen vertiefende Studienmöglichkeiten im Stil eines Action Learning Curriculums. Das Stiftsgut Keysermühle in der Pfalz, das von einer Aktivistin der Regiogeld-Bewegung geleitet wird und die Evangelischen Akademien von Bad Boll und Tutzing haben das Thema Regiogeld wiederholt in ihrem Programm aufgegriffen. Ebenso finden in der Katholischen Akademie in Freiburg (D) und am Goetheanum in Dornach (CH) entsprechende Veranstaltungen statt. Viele (weitere) Veranstalter, erscheinen mit ihren Angeboten regelmäßig in der „Zeitschrift für Sozialökonomie“ und in der Zeitschrift „Humane Wirtschaft“. Und schon längst können sich Mitgliedsorganisationen des Regiogeld-Dachverbandes für Expertisen, Ratschläge und Vorträge an Mitglieder von dessen  Fachbeirat wenden. Wie wäre es, wenn diese und andere Beispiele für Bildungsangebote, die sich Insidern auch nur allmählich und sporadisch erschließen, viel gerichteter mit einander vernetzt und sichtbar gemacht werden? Es würde Nachfragern aus den Initiativen vor Ort leichter möglich werden, das jeweils Passende für sich herauszusuchen und eine weiterführende Linie von Veranstaltungen zu gestalten!

Lernorganisatoren sollten gezielt überlegen können, was im Hinblick auf ihren eigenen, aktuellen Bedarf weiterführt:

- ein  Time-Out-Workshop für ihre Mitglieder, die ihre bisherigen Erfahrungen einer periodischen kritischen Überprüfung unterziehen wollen, um rechtzeitig Fehlentwicklungen vorzubeugen (sehr zu empfehlen in Kooperation mit wenigstens einer anderen Initiative – da gibt es viel aneinander zu entdecken - Nachahmenswertes wie auch blinde Flecken),

- Seminare für startende Aktivisten, denen Grundwissen über Geld, assoziatives Wirtschaften und den eigenen Schulungsweg als Voraussetzung für nachhaltiges Engagement, usw. vermittelt wird,

- Konferenzen  für das Skill-Sharing und das Verschaffen von Übersicht,

- Arbeitshilfen, die Aktivisten für deren eigene Wissensvermittlung an Dritte zur Verfügung gestellt wird (im Sinne der oben erwähnten Lernpyramide ist das Vermitteln an Dritte eine besonders effektive Form des Lernens).

- Internet-Links  für Foren internationaler Konsumentenbewegungen (Better-World-Shopping, Be and Let Be, usw.), für Online Gemeinschaften wie dem „Forum für Unternehmerisches Lernen“ (25), wo im virtuellen Raum lernbereite Akteure, die geografisch weit voneinander entfernt sind, einander doch in vertraulichen Reflexionen nahe kommen können, nicht zuletzt mit Hilfe von Arbeitshilfen für die methodische Gestaltung ihrer Lernprozesse (die auf dieser Site angeboten werden),

- Darstellung von ermutigenden Beispielen  (Vorarlberg, Chiemgauer, Sterntaler, Coinstatt, Elektrizitätswerk Schönau, Regionalwert AG, Unternehmen Mitte, Omnibus für direkte Demokratie, WIR-Bank, iMotion-Jugendwährung aus Wörgl, Transition Towns, um nur einige zu nennen),

- Beiträge für Zukunftswerkstätten von Kommunen, Gewerkschaften, usw. zur Anregung der Visionsarbeit,

- koordinierte Beiträge  der verschiedenen Gruppierungen und Organisationen, die im Sinne des anthroposophischen Sozialimpulses arbeiten (wie zum Beispiel die Initiative Netzwerk Dreigliederung, das Forum3 oder die Zeitschrift Info3), Konsumentenverbände, Patientenvereine, Omnibus für direkte Demokratie, sowie Initiativen der Freiwirtschaftslehre, die alle Fragen zum Überprüfen und Nachdenken an diejenigen stellen können, die sich ansonsten vor allem praktisch betätigen,

- Großgruppenveranstaltungen (28), wie Open Space Technology, mehrtägige
Zukunftskonferenzen, Welt-Cafè, Real-Time-Strategic-Change, Work-Outs usw. Die sind heute schon so vielen Teilnehmern aus eigener Erfahrung bekannt, dass sie ohne weiteres in größerem Maßstab und ohne auf allzu viel Widerstand zu stoßen, verwendet werden können. Mit ihnen lässt sich gleichzeitig eine große Zahl von Menschen erfassen und ihre Energie für gemeinsame Forschungen und Planungen mobilisieren. Die Beschreibung der dabei angewendeten Methoden gehört in jeden der oben beschriebenen „Werkzeugkästen“.

Empfehlenswert ist es auch an die Verbindung zur islamischen Seite zu denken:

-  eine islamische Zeitung hat positiv über die Regiogeldbewegung (26) berichtet.
-  SEKEM ist eine ägyptische Initiative von Ibrahim Abouleish, der als bekennender Muslim mit seinem Engagement und auf der Grundlage von Nachhaltigkeit Brücken zwischen Islam und Christentum schlägt (27).

 
D. Eine Grundeinstellung zum Lernen

Beim Lernen von Erwachsenen in den komplexen und vielschichtigen Situationen der heutigen Zeit geht es nicht nur darum, bereits bekanntes Wissen zu erwerben. Es geht vielmehr auch um das Gewinnen von neuen Einsichten aus eigener Initiative und im Dialog mit anderen direkt Beteiligten. Wesentlich sind die Eigeninitiative des Lernenden und seine grundsätzliche Aufgeschlossenheit. Das bedeutet zum Beispiel, dass man nicht darauf  wartet, bis man von irgendeiner Autorität, einem Experten oder einem Guru eines besseren belehrt wird. Es geht vielmehr darum, dass ein pro-aktives Stehen im Leben und ein Sich-Einlassen auf Neues gefordert ist. Das gilt sowohl für uns als Käufer, Anleger, Wirtschaftstreibende und Mediennutzer im Allgemeinen, aber für Mitglieder von Initiativen für Komplementärwährungen im Besonderen.

Worauf es ankommt, formulierte Pablo Picasso, der außerordentlich viel in seiner Kunst erschlossen und erprobt hat, einmal so:

„Ich suche nicht, ich finde (Unterstreichung von mir). Beim Suchen gehe ich aus von Bestehendem, um bereits Bekanntes im Neuen zu finden. Beim Finden treffe ich auf völlig Neues – auch in der Bewegung. Alle Wege sind offen, und was ich finde ist unbekannt.

Es ist ein Wagnis – ein heiliges Abenteuer. Das Ungewisse solcher Wagnisse können eigentlich nur diejenigen auf sich nehmen – die sich geborgen wissen in Ungeborgenheit – die ins Ungewisse geraten und keine Führung erfahren – die sich im Dunkel einem Stern anvertrauen – und sich nach höheren Zielen richten – anstatt das Ziel durch die Beschränkungen und Begrenzungen des Menschseins bestimmen zu lassen. Dieses Offenstehen für jede neue Einsicht, für jedes neue Erlebnis – sowohl innerlich als auch äußerlich – ist wesentlich für das Menschsein heute. In aller Furcht vor dem Loslassen – erfährt der moderne Mensch die Gnade getragen zu werden in der Offenbarung von neuen Möglichkeiten.“ (29)

Die größte Kraftquelle für Entwicklungen ist der einzelne, der sich an und mit anderen über sich selbst klar wird, über seine höchstpersönlichen Beitragsmöglichkeiten. Wo erschließen wir das für einander? „Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu!“, meint Ödön von Horvath(30). Im gemeinsam reflektierten Tun ist eine hervorragende Chance, um zu sich selbst zu kommen - im Dienst an anderen.

 

 

Entnommen aus:

Peter Krause (Hrsg.)

Anders: Komplementärwährungen“

ISBN 978-3-86931-836-3

Bestellmöglichkeit

 

 

 

 

 

 

1.Michael Unterguggenberger, geboren 15. August 1884 in Hopfgarten im Brixental; gestorben 19. Dezember 1936 in Wörgl, war von 1931 bis 1934 Bürgermeister von Wörgl (Tirol)
2.http://de.wikipedia.org/wiki/WIR_Bank
3.Bernard Lietaer, 2002
4.Margrit Kennedy und Bernard A. Lietaer, 2004
5.Tobias Plettenbacher, 2008
6.www.social-banking.org/the-institute/
7.Nach meiner Erinnerung verdanke ich diese Formel Kathleen D. Dannemiller von Dannemiller Tyson Associates.
8.Max Frisch, Graf Öderland, edition suhrkamp, 1963
9.Chris Argyris, Wissen in Aktion
10.Zum Beispiel die ABC-Analyse aus der Rational-Emotiven Vorgehensweise, die U-Prozedur nach Friedrich Glasl 1994
11.David Bohm 1996 und Karl-Martin Dietz 2001
12. Raimund Dietz 2010
13.Bernhard Senf 2004
14.Sehr anschaulich beschrieben in einem Artikel von Brandeins aus dem Jahr 2009:
http://www.brandeins.de/uploads/tx_brandeinsmagazine/144_b1_01_09_soziokratie.pdf
15.http://www.soziokratie.org
16.Donnenberg 2008 und Chivers / Pedler 2010
17.Revans 1998; Reginald Revans lebte von 1907 bis 2003 und betätigte sich u.a. als
Wissenschaftler, Berater, Business-School-Lehrer und Publizist.
18.http://ful.mixxt.de/
19.16. Shell Jugendstudie, Jugend 2010
20.„Immer wenn zwei oder mehr Personen sich treffen und sich dem zuwenden, was aus der feinen Verbindung zwischen ihnen entsteht, öffnet sich ein Tor zu einer neuen Zukunft.”, Claus Otto Scharmer 2009
21.Stefan Güldenberg, Lernende Organisation unternehmerisch führen, unveröffentlichtes Manuskript, 2007
22.Noch nicht veröffentlichtes Manuskript des „Sociocratisch Centrum“, entstanden unter Federführung von Univ. Prof. Gerard Endenburg über eine soziokratische Gesellschaftsform aus dem Jahr 2010; Auskünfte erteilt das Soziokratische Zentrum in Rotterdam
23.www.partizipation.at/methoden.html Die Informations-Website des österreichischen Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft stellt einen Bereich zur Verfügung wo eine sehr zu empfehlende Sammlung von Methoden für die Arbeit kleinerer, mittlerer und größerer Gruppen zu finden ist.
24.Gaia ACTION LEARNING Akademie für Nachhaltigkeit, http://www.gaiauniversity.de/
25. (siehe 18.)
26.http://www.islamische-zeitung.de/?id=12783
27.Text mit vielen eindrucksvollen Illustrationen in: Baumgartner, Daniel & Bader, Michael 2007, Hier werden von Dr. Abouleish Suren aus dem Koran zitiert, in denen aufgefordert wird, pfleglich und förderlich mit der Schöpfung umzugehen.
28.Bunker & Alban 1997
29.Pablo Picasso , Wort und Bekenntnis 1954.
30.Ödön von Horváth, österreichisch-ungarischer Schriftsteller und Dramatiker, 1901 - 1938


Weitere Literaturhinweise:

Baumgartner, Daniel und Bader, Michael: SEKEM, Im Puls der Zukunft. Wie eine Vision Ägypten verändert, Pforte Verlag, Dornach 2007
Bohm, David: Der Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussion. Klett-Cotta, Stuttgart, 1998
Bunker, Barbara Benedict & Alban, Billie T.: Large Group Interventions. Engaging the Whole System for Rapid Change. Jossey-Bass Publishers, San Francisco, 1997
Chivers, Mandy & Pedler, Mike: D.I.Y. (Do It Yourself, Anm. d. Verf.) Handbook for Action Learners. 2010 (2. Auflage), Mersey Care NHS Trust, zu bestellen über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Dietz, Karl-Martin: Dialog. Die Kunst der Zusammenarbeit. Menon Veralg, Heidelberg, 2001
Dietz, Raimund: Geld macht Wirtschaft. Metropolis Verlag, Marburg, 2010
Donnenberg, Otmar (Hrsg.): Action Learning. Ein Handbuch. Verlag: Schöffer-Poeschel. Stuttgart, 2008
Glasl, Friedrich: Das Unternehmen der Zukunft, Verlag Freies Geisteslaben, Stuttgart, 1994
Kennedy, Margrit & Lietaer, Bernard A.: Regionalwährungen. Neue Wege zu nachhaltigem
Wohlstand. Riemann Verlag, München 2004
Lietaer, Bernard A.: Das Geld der Zukunft. Über die zerstörerische Wirkung unseres Geldsystems und Alternativen dazu. Riemann Verlag, München, 2002
Plettenbacher, Tobias: Neues Geld - Neue Welt, 2008, downloadbar aus dem Internet,
http://www.neuesgeld.com/getfile.php?id=192
Revans, Reginald: ABC of Action Learning. Empowering managers to learn from action.
Lemos & Crane, London, 1998
Scharmer, Claus-Otto: Theorie U: Von der Zukunft her führen: Presencing als soziale Technik. Carl-Auer-Verlag, Heidelberg, 2009
Senf, Bernhard: Die blinden Flecken der Ökonomie. Wirtschaftstheorien in der Krise.dtv,
München, 2004

Gelesen 36275 mal Letzte Änderung am Dienstag, 28 Juli 2015 22:35