Freitag, 22 Februar 2013 08:09

Wie geht’s weiter mit dem Geld?

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Im Gespräch mit Margrit Kennedy

http://www.fairventure.de/images/stories/Referenten/kennedy.jpgProf. Dr. Margrit Kennedy: Expertin für Regionalgeld und Komplementärwährungen. In Darmstadt zunächst als Architektin ausgebildet, arbeitete sie als Stadtplanerin und Ökologin in Deutschland, Nigeria, Schottland und in den USA . Promotion in Pittsburgh, Pennsylvenia zum PhD. Forschungsvorhaben zum Thema "Schulen als Gemeinschaftszentren" in 15 Ländern Europas und in Nord- und Südamerika. Von 1979 bis 1984, im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Berlin 1987, Leitung des Forschungsbereichs Ökologie/Energie und Frauenprojekte, und Gastprofessur für Stadtökologie an der Gesamthochschule Kassel.  1991 wurde sie als Professorin an den Fachbereich Architektur der Universität Hannover berufen; sie leitete dort bis 2002 die Abteilung "Technischer Ausbau und Ressourcensparendes Bauen".

 

Das vorherrschende Geld- und Wirtschaftssystem bleibt nicht ohne Folgen für die Umwelt. Ökologie und gewöhnliche Ökonomie widersprechen einander, so dass im Zusammenhang mit den notwendigen ökologischen Maßnahmen zugleich auch andere Geld- und Wirtschaftsformen gefordert sind. Dem dienen Komplementärwährungen, die neben dem Euro verwendet werden. Sie stehen im Kontext von Initiativen, die sowohl im wirtschaftlichen, wie auch im sozialen Leben umwelt- und menschengerechte Umgangsformen entwickeln. Dies entspricht einem neuen Trend, der sich zunehmend und weltweit verbreitet.

Peter Krause: Inzwischen gelten Sie auch international als eine der Expertinnen für Komplementärwährungen, haben aber Ihren beruflichen Ausgangspunkt ganz woanders. Sie sind Architektin und haben sich intensiv mit ökologischen Themen befasst. In laufe der Zeit wurden Sie dann zur Expertin für bestimmte Geldthemen. Was war für Sie der zündende Funke, sich von Ihren Interessen und Ihrem beruflichen Tun her derart auszurichten?

 

Ökologie und Ökonomie

Margrit Kennedy: Der zündende Funke kam in einer Zeit, wo ich mit ökologischen Projekten im Zusammenhang mit der internationalen Bauausstellung in Berlin zwischen 1979 und 1984 befasst war, und Menschen mir immer wieder sagten, dass das zwar ganz schön sei, es sich aber nicht rechnen würde. Es waren damals noch kleine Serien, an denen wir arbeiteten und die Leute wussten noch nicht, wie die Details ausgebildet werden sollten. Meine Aufgabe in der internationalen Bauausstellung war es, den Fachbereich Ökologie thematisch zu betreuen. Ich war, wenn man so will, Leiterin dieser Forschungsabteilung, also diejenige, die diese ganzen Projekte beriet.

Mir war damals bald klar, dass wir das Urteil „Das rechnet sich nicht“ umwandeln müssen in ein „Das rechnet sich sehr wohl“. Ansonsten würden wir nicht sehr weit kommen, was bedeuten würde, dass Ökologie auf solche Großevents wie die Bauausstellung beschränkt wäre. Das würde aber nicht ausreichen, denn schon damals war deutlich, dass z. B. Energie und sauberes Trinkwasser knapper werden würde. Alles, was wir heute in den Transition Towns diskutieren, war Anfang der 80er-Jahre schon ganz deutlich zu sehen.

P.K.: Mit wem hatten Sie es vor allen Dingen zu tun? Waren das Baugesellschaften, Kommunen oder Privatleute, die sagten, dass sich Ökologie nicht rechnen würde?

M. Kennedy: In Berlin waren wir damit beschäftigt, den ganzen Stadtteil Kreuzberg zu erneuern. Es gab den Neubau- und den Stadterneuerungsbereich. Vor allem im Stadterneuerungsbereich war das Thema Ökologie für die Leute die dort lebten ein sehr heikles Thema, denn vorher war ein Projekt für eine sechsspurige Autobahn quer durch Kreuzberg verhindert worden. Weil die Häuser aber schon leer standen hatten sich da Hausbesetzer reingesetzt, die einfach damit anfingen, ihre Ideen in diesem rechtsfreien Raum umzusetzen. Sie hatten die ersten Brauchwassersysteme eingebaut, arbeiteten mit eigener Energieversorgung auf den Dächern und haben weitgehend ökologische Baustoffe verwendet. Was wir heute zur ökologischen Stadterneuerung zählen, wurde da zum ersten Mal praktiziert und ausprobiert.

Natürlich gab es auch Vorschläge für Neubauprojekte, die aus aller Welt kamen. Man setzte sich damit auseinander, wie man effizient Wasser, Energie und Material usw. sparen könnte. Diese Modelle habe ich bei verschiedenen Gelegenheiten vorgestellt. Die Menschen waren am Thema Ökologie sehr interessiert, obwohl man sich damals noch gar nicht richtig vorstellen konnte, was mit diesem Begriff gemeint ist.

Zwischen 1979 und 1984 konnte ich eine Reihe grundlegender Gutachten bei Fachleuten in Auftrag geben, die bereits etwas zum Thema Ökologie beigetragen hatten. Wenn ich dann diese Vorschläge irgendwo zeigte, in Hochschulen, Frauengruppen, Gärtnervereinen und so weiter, dann kam immer irgendjemand mit dem Argument, dass sich diese neuen Bauweisen nicht rechnen würden, dass die Maßnahmen zum Wasser-, Material- und Energieeinsparen unwirtschaftlich sein würden.  Ich fragte mich, was „unwirtschaftlich“ in diesem Zusammenhang  überhaupt heißt, denn es war klar, dass unsere biologischen Lebensgrundlagen bereits stark gefährdet waren und ich fragte mich, was es nützen sollte, wenn sich etwas rechnet, wir aber keine Möglichkeiten mehr haben, zu überleben.

P.K.: Und wann kam die Wende für Sie?

M. Kennedy: In einem Vortrag von Helmut Creutz 1982 ist der zündende Funke übergesprungen. Ich habe die Zinsproblematik und auch die dazugehörige Lösung verstanden, die Helmut Creutz in zwanzig Minuten erklärte.

 


Das Problem von Zins und Zinseszins

Wenn man drei grundlegende Missverständnisse nicht verstanden hat, ist die Diskussion über dieses Thema nicht möglich. Das betrifft erstens den exponentiellen Wachstumszwang in der Wirtschaft der über Zins und Zinseszins ausgeübt wird, zweitens wie die Zinsen gezahlt werden, dass sie nämlich in allen Preisen enthalten sind, und drittens die damit zusammenhängende Umverteilung von Arm zu Reich. Das erste Missverständnis erklärt auch den Zwang zu spekulativen Geschäften in einem Moment, in dem das realwirtschaftliche Wachstum nicht mehr ausreicht, die Zins- und Zinseszinsforderungen der Gläubiger zu bedienen. Alles was wir heute als Ursachen für die Krankheit unseres Geldsystems erleben, habe ich damals im Vortrag von Helmut Creutz in wenigen Minuten begriffen. Ich verstand aber auch die Lösung, die darin besteht, dass man eine Umlaufsicherung, einen negativen Zins für solches Geld braucht, dass durch Hortung dem Kreislauf entzogen wird. Das umzusetzen ist leider nicht so einfach, weil dem offensichtlich gewichtige Interessen entgegen stehen.

P.K.: Ihnen wird das Zitat zugeschrieben, dass Ökologie und Ökonomie - da sie auf zwei völlig unterschiedlichen Wachstumsmustern beruhen - im herkömmlichen Geldsystem nicht zusammenkommen können. Das ist auf den Punkt gebracht Ihr damaliges Schlüsselerlebnis gewesen?

M. Kennedy: Ja das ist es. Und dann brauchte ich noch sechs Monate, um das glauben, was ich in den zwanzig Minuten bei Helmut Creutz verstanden hatte. Ich habe mir damals fast alles gekauft, was bei dieser Tagung auslag. Ich recherchierte und bestellte Bücher. Gott sei Dank hatte ich eineinhalb Stunden Fahrzeit zu meinem Arbeitsplatz und insofern viel Zeit zum lesen. Dann schrieb ich einen Artikel - um das loswerden, was ich herausgefunden hatte. Dieser wurde einige Male veröffentlicht und hat viele positive Reaktionen gebracht. Doch erst nach fünf Jahren schrieb ich mein Buch „Geld ohne Zinsen und Inflation“, das inzwischen in 22 Sprachen übersetzt wurde. Bis zum Buch über „Regionalwährungen“ dauerte es noch einmal vierzehn Jahre.

P.K.: In Ihrer Biografie haben Sie verschiedene Wellen kultureller Veränderung erlebt. Wenn Sie eben die 80er-Jahre erwähnten, dann ist das die Zeit der Hausbesetzerbewegung. Aber auch die 60er-Jahre-Bewegung haben Sie mitbekommen. Und nun am Beginn des 21. Jahrhunderts erleben Sie den Beginn einer Bewegung, die dieses Thema der ökologischen Verantwortung im Zusammenhang mit Vorstellungen von einer neuen Ökonomie in das Bewusstsein der Menschen bringt. Das ereignet sich also in dem Bereich, in dem Sie seinerzeit als Architektin die Problematiken des derzeit vorherrschenden Geldsystems durchschauten.

M. Kennedy: Das ist richtig. Seit 2008 hören mir die Leute in einer anderen Art und Weise zu als das vorher der Fall war. Die internationale Finanzwelt entpuppt sich als ein Betrugssystem welches auf der Basis von asymetrischer Information und Geldbesitz arbeitet, wovon ein winziger Teil der Menschheit enorm profitiert. Aber die Krise hat das Bewusstsein geschärft und zu einem zunehmenden Interesse an den diesbezüglichen Zusammenhängen geführt. Deshalb ist es jetzt umso wichtiger Alternativen aufzuzeigen.


Nachhaltigkeit erhöht die Lebensqualität

P.K.: Kurz vorher, im Jahr 2007 haben Sie das in Ihrem Aufsatz über die Lifestyle-Falle schon auf den Punkt gebracht. Sie haben im Kontext dieses Buches darüber geschrieben, dass es Freude macht, sein Leben nachhaltig zu führen. Das ist vermutlich sehr wichtig, dass man das, was mit einer Komplementärwährung und mit Veränderungen im eigenen Lebensstil zu tun hat nicht immer nur aus dem Negativen entwickelt. Nachhaltigkeit macht eben auch Spaß und steigert die Lebenszufriedenheit, weil zum Beispiel die Systeme deutlich entkrampft werden, in die wir eingebunden sind.

M. Kennedy: Sie steuern jetzt einen ganz wichtigen Punkt an. Was damals als ökologische Ziele formuliert wurde, also weniger Energieverbrauch, weniger Wasserverbrauch, weniger Luftverschmutzung und weniger Abfälle - alles immer „weniger, weniger, weniger“ -, war eine Art Negativkonzept. Ich entdeckte irgendwann die Permakultur und damit ein Konzept, das die Denkrichtung umkehrt: Es optimiert nicht die Einzelerträge eines Systems sondern den Gesamtertrag, indem alle Elemente verschiedene Funktionen erfüllen und alle Funktionen von verschiedenen Elementen erfüllt werden. Damit erreicht man die größte Flexibilität und Stabilität in einem System – egal ob es ein landwirtschaftliches oder ein städtisches, ein wirtschafltiches oder ein soziales System ist. Es geht bei der Permakultur um eine neue Lebensqualität, wofür ich überall in der Welt Beispiele gefunden habe, die völlig überzeugend waren. Diese Beispiele zeigte ich in meinen Ökologievorträgen und die Menschen waren von der Qualität der Häuser, der Gärten und der Art und Weise des Zusammenlebens total begeistert.

Dann kam aber immer wieder der Einwand, dass sich das nicht rechnet, was in gewissem Sinne sogar stimmt. Die besten Beispiele sind solche, die von relativ reichen Leuten realisiert worden sind. In Deutschland zum Beispiel die Hermannsdorfer-Landwerkstätten, die Karl Ludwig Schweisfurth initiiert hat. Vorher hatte er - kurz bevor der Fleischkonsum in Deutschland drastisch zurückging - die Firma Herta den größten Wurstfabrikanten in Deutschland für sehr viel Geld an Nestle verkauft. Mit diesem Geld schuf er danach dieses Paradebeispiel für eine ökologische Landwirtschaft. Aber natürlich konnte das nicht in dem Umfang umgesetzt werden, wie es eigentlich nötig gewesen wäre, weil die meisten fragen „rechnet sich das“, und vergleichen, was sie an Erträgen erwirtschaften und was sie an Zinsen bekämen, wenn sie das Geld auf ein Bankkonto legen. Und dann hätte sich auch dieses Beispiel „nicht gerechnet“. So steht eben das Geldthema  der Ökologie überall im Wege.

P.K.: Aber die Landwirtschaft ist dem Leben und der Natur sehr nah. Sie fordert von Grund auf einen anderen Einstieg in die produzierende Arbeit. Wo liegt für die Landwirtschaft das Problem?

M. Kennedy: Die Produktion in der Landwirtschaft kann dem exponentiellen Wachstum im Geldsystem, das durch Zins und Zinseszins ausgelöst wird nicht folgen. Man kann eine Kuheuter nicht endlos vergrößern. In der Natur sind Grenzen zu beachten, die vom Geldsystem fortwährend ignoriert und außer Kraft gesetzt werden. In dem Moment, wo die Zinsansprüche die Möglichkeiten der Realwirtschaft überschreiten geht es in die Spekulation, die ihrerseits zur unglaublichen Ausbeutung aller natürlichen Lebensbereiche führt inklusive der menschlichen Arbeitskraft.

P.K.: Sie sind auf die Permakultur gestoßen und haben sich dazu entschlossen, die Grundprinzipien auch - soweit es geht - persönlich zu leben. Das war nur konsequent, denn Sie haben die Grenzen ja immer wieder erlebt, die der Ökologie vom vorherrschenden Geldsystem gesetzt werden.

M. Kennedy: Das Geldsystem existiert seit 5.000 Jahren und das Zinseszinssystem wird von den meisten einfach als unabänderlich hingenommen. Wenn jemand Ökonomie studiert und das Zinssystem nicht akzeptiert, kann er gleich aufhören und sich einen anderen Beruf suchen, obwohl man es einem fünfjährigen Kind erklären kann, dass das nicht funktioniert. Die Ökonomie in der heute vorherrschenden Form ist Erfüllungsgehilfe des zerstörerischen Geldsystems!

Der erste Ökonom, den ich in der Bauausstellung mit meinen neuen Gedanken und Einsichten ansprach bestätigte mich in meinen Aussagen, fügte aber hinzu, dass man leider die Macht nicht habe, das zu ändern. In Deutschland haben wir immer noch Gesetze, die die Entwicklung von Alternativen behindern. In der Schweiz hingegen gibt es eine offiziell anerkannte Parallelwährung, in Österreich wird öffentlich darüber nachgedacht, für Abgaben und staatliche Dienstleistungen Komplementärwährungen anzuerkennen. In Deutschland, wo wir für Bad Wörishofen ein Konzept für eine wassergestützte Komplementärwährung erarbeitet haben, erlebten wir diesbezüglich gravierende Widerstände der Verantwortlichen.

P.K.: Sie leben selbst in Steyerberg im Lebensgarten. Für mich sind solche Ökodörfer ein Beispiel dafür, wie es in Zukunft funktionieren kann. Das sind komplementäre Systeme, die im Kleinen etwas umsetzen, was im Großen wirksam werden kann. Das scheint mir ähnlich zu sein, wie die Homöopathie in der Medizin: Eine kleiner Einfluss kann ein ganzes System verändern.

M. Kennedy: Solange man das Geldsystem nicht verändert, wird man leider das - was im kleinen Zusammenhang durchaus gelingt - im Großen nicht umsetzen können. Aber jetzt kommt ein Zeitfenster, in dem grundlegende Veränderungen möglich sein werden, vorausgesetzt viele Menschen verstehen, worum es geht. Ich bin inzwischen pensioniert und kann mich deshalb voll zeitig der Veränderung des Geldsystems widmen, das heißt ich versuche in Deutschland und international den Initiativen zu helfen, die die Ideen komplementäre Währungen zu nutzen aufgreifen.

 


Brauchen wir noch größere Katastrophen?

Möglicherweise brauchen wir den Crash, um uns zu zeigen, dass diese neuen Systeme nützlich sind und funktionieren können.

P.K.: Es wird heute oft gesagt, dass es uns vermutlich noch nicht schlecht genug geht. Aber ich meine, dass es auch anders gehen kann. Die Lebensgrundlagen müssen nicht erst zusammenbrechen, bevor die Menschen veränderungsbereit sind. Besonders dann nicht, wenn es gelingt die positiven Aspekte zu kommunizieren, die für die Menschen mit den Veränderungen ihres Lebens verbunden sind, die sie zu ökologisch sinnvollem Verhalten führen. Trotzdem bleibt natürlich die Frage, warum sich die Ideen von Rudolf Steiner und Silvio Gesell für ein gesundes Geldsystem nicht stärker durchgesetzt haben, als es bereits der Fall ist. Warum kommt das in den Köpfen der Menschen nicht viel häufiger an?

M. Kennedy: Dafür gibt es meines Erachtens eine ganze Reihe von Antworten. Ich finde, dass die Art und Weise, wie es in der Anthroposophie mit dem Geldsystem läuft so komplex ist, dass man schon einen gewissen Bildungsgrad bei den Menschen braucht, damit sie es überhaupt verstehen. Die große Masse ist nicht fähig dem zu folgen. Allerdings brauchen wir auch nicht die große Masse, um etwas zu verändern, sondern nur einen gewissen Prozentsatz von Leuten. Die Anthroposophie kommt dem sehr nahe, indem sie eine Menge hervorragender Beispiele dafür liefert, wie etwas anders laufen kann.

Ich persönlich lebe, was ich selbst richtig finde. Der Lebensgarten ist ein gutes Beispiel für eine Postwachstums-Ökonomie. Wir erleben dort, was wirklicher Reichtum ist und dass der nichts mit Geld zu tun hat, sondern mit ganz anderen Werten. Das Spannende für mich ist, dass wir im Lebensgarten in unserer Gemeinschaft keine gemeinsame Weltanschauung haben und jeder für sich ökonomisch verantwortlich ist. Wir haben äußerlich betrachtet nichts, was uns zusammenhält und nach allen Studien, die gemacht wurden, dürfte es uns darum eigentlich gar nicht mehr geben. Es gibt uns aber noch, und das stimmt mich hoffnungsvoll. Wir sind ein kleiner Mikrokosmos mit allen Problemen, die es in dieser Welt gibt und dass wir gelernt haben unsere Probleme friedlich zu lösen und uns gewaltfrei auseinander zu setzen, das zeigt mir, es geht tatsächlich.

P.K.: Und dann gibt es auch noch das Geldsystem...

M. Kennedy: …. für dessen Veränderung wir viel mehr Menschen brauchen, die informiert sind.

P.K.: Da bringe ich den Begriff der Kulturkreativen ins Spiel. Da ist die Rede davon, dass es Millionen Menschen gibt, die das Leben anders angehen, die aber noch zu wenig voneinander wissen. Insofern bestünde die Aufgabe nicht darin, Ideen mit einer gewissen Durchsetzungskraft zu verbreiten, sondern viel eher darin, für ein Aufwachen und für Kontakte untereinander zu sorgen.

 

Komplementärwährungen

Aber kommen wir nun auf die Komplementärwährungen zu sprechen. Woher kommt eigentlich dieser Begriff, so wie wir ihn heute für parallele Währungssysteme gebrauchen?

M. Kennedy: Ich denke, dass dieser Begriff auf Bernard Lietaer zurück zu führen ist. Er prägte diesen Begriff als Experte für Geld- und Währungssysteme, um beschreibbar zu machen, was eigentlich gewollt ist. Die Regionalwährungen sind wenn man so will, eine komplementäre Währung, die geografisch begrenzt ist. Es gibt auch Komplementärwährungen, die durch ihre Zwecke - für Bildung, Gesundheit, Altenpflege und so weiter - begrenzt sind. Das habe ich einmal als „sektorale Komplementärwährungen“ bezeichnet. Komplementär bedeutet „ergänzend“. Ich finde das ist genauer als Alternativwährung, denn das sind wir noch lange nicht.

P.K.: Für Komplementärwährungen gibt es Vorbilder, die schon eine ganze Weile bestehen. Man kann die WIR-Währung zitieren oder auch das Bethel-Geld. Schon vor gut dreißig Jahren kamen die LETs-Systeme auf und 2001 entstand mit dem Bremer Roland in Deutschland die erste Regionalwährung.

M. Kennedy: Richtig begonnen hat die „Bewegung“ meines Wissens 2003 mit dem Chiemgauer. Ein Jahr zuvor fand ich in Australien eine Währung, die mir als sehr gut erschien und die ich darum hier in Deutschland vorgestellt habe. Diese australische Währung war letztlich das Vorbild für den Chiemgauer, der sich aber natürlich völlig eigenständig weiter entwickelt hat, also keine Kopie des australischen Modells ist.

P.K.: Es gibt inzwischen welt- und deutschlandweit zahlreiche verschiedene Komplementärwährungen. Die sind alle in den letzten zehn Jahren entstanden, woraus man schließen kann, dass wir uns am Anfang einer neuen „Welle“ befinden, die sich ähnlich wie die Biobewegung - die in dieser ausgeprägten Form in den 70er-Jahren entstanden ist -  entwickeln könnte.

 


Ein neuer Trend

Die Biolebensmittel haben inzwischen einen festen Platz auch in der Gunst der ganz gewöhnlichen Verbraucher und gehören selbstverständlich zum Angebot in der Lebensmittelbranche dazu. Vermuten Sie ähnliches  für die Zukunft der Komplementärwährungen?

M. Kennedy: Ja, ich denke genauso wird es laufen! Bei den Biolebensmitteln gibt es verschiedene Marken, so wie es auch verschiedene Komplementärwährungen gibt und weiter geben wird. Die Biomarken wenden trotz der Markenvielfalt gemeinsame Qualitätsstandards an, und benutzen eine freiwillige Selbstkontrolle. So etwas haben wir anfänglich auch mit dem Regiogeldverband geschaffen.

P.K.: Wie verbreitet sind Komplementärwährungen heutzutage schon und gibt es aktuell besondere Beispiele für weitere Entwicklungen?

M. Kennedy: Ich bekomme fast jede Woche, manchmal sogar jeden Tag Konzepte aus aller Welt zugeschickt, die ich überprüfen soll. Die nächste interessante Begegnung habe ich in dieser Woche in Brüssel wo ich – zusammen mit Bernard Lietaer - zwei Mitarbeiter des IWF treffen. Es geht darum, dass im Senegal eine Komplementärwährung eingeführt werden soll. Das Konzept haben Bernard Lietaer und ich bekommen, mit der Bitte uns dazu zu äußern.

P.K.: Nun ja, indem das Thema Komplementärwährung sich weiter entwickelt und immer mehr Menschen wissen, was damit gemeint ist, und schließlich immer mehr Menschen mit Komplementärwährungen zahlen werden, kommen sicher auch kommerzielle Interessen ins Spiel, die heute noch nicht so sichtbar, sind. Das war in der Biobewegung genauso: Engagierte BürgerInnen bauten die Grundlagen auf und brachten dafür große persönliche Opfer, bis später die großen Player kommen und ganz gemütlich die Felder besetzen und die eigentlichen Trendsetter von der Bildfläche verdrängen. Um es konkret zu sagen: In Zukunft könnte es google-Geld, oder Facebook-Money geben, das natürlich von ganz anderen Interessen begleitet sein wird. Dann wären wir irgendwie wieder da, woher wir kommen, indem die wirtschaftlichen Vorgänge von wenigen mächtigen Kapitaleignern dominiert werden.

M. Kennedy: Das wird man möglicherweise nicht verhindern können. Google hat bereits eine Banklizenz erworben. Diese Unternehmen wissen ganz genau, wohin die Entwicklung läuft. Es wird vermutlich einen Wettbewerb unter den verschiedenen komplementären Währungen geben, in dem diejenigen einen Vorsprung haben werden, die über ein weltweites Netz und das entsprechende Kapital verfügen. Aber wichtig ist auch wieviel Vertrauen die Menschen in die jeweiligen Herausgeber komplementärer Währungen haben, denn das ist die wesentlichste Grundlage für jedes neue Geld „Vertrauen“.

P.K.: Die eine Möglichkeit besteht darin, dass große Konzerne mit sehr viel Kapital den Markt für Komplementärwährungen betreten. Die andere Möglichkeit ist, dass sich Netzwerke von unten bilden, in denen gewöhnliche Menschen mit ihren Fähigkeiten so zusammenarbeiten, dass daraus letztlich ein großes System entsteht. Dafür gibt es in der Web2.0-Welt bereits Beispiele. Und warum sollte das mit einer Komplementärwährung nicht auch gelingen? Das wäre ein Gegengewicht zur Macht der großen Konzerne.

M. Kennedy: Das ist es, was wir versuchen. Ob es uns gelingt, wird man sehen. Das wird davon abhängen, wie gut wir sind und wie gut wir zusammenarbeiten.

 

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Quelle: Peter Krause, "Mehr als Geld: Wirtschaft gestalten", Flensburgerhefte Verlag, Flensburg 2011

Gelesen 19162 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 29 Juli 2015 08:31
Peter Krause

Peter Krause (Krause-Keusemann) studierte Kunst, Pädagogik, Theologie und Betriebswirtschaft.  Als freier Journalist und Buchautor (seine Schwerpunkte sind die Wirtschaft und der medizinische Leistungsbereich) zahlreiche Veröffentlichungen in verschiedenen Zeitschriften und Verlagen.

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